Kirchenchor nach 40 Jahren aufgelöst

Abschied vom Chor und seinem Leiter

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Ein letztes Mal einsingen: Der evangelische Kirchenchor Eppertshausen/Ober-Roden vor seinem Auftritt in der Friedensgemeinde.

Eppertshausen - Trauer mischt sich ins letzte Einsingen in der Friedensgemeinde: Rochus Paul muss an die Zukunft denken. Von Michael Just 

„So, jetzt ist also Feierabend mit unserem Chor. Die Älteren wollen nicht mehr und von unten kommt nichts nach“, sagte eine ältere Frau, während sie auf Einlass in den Kirchensaal wartet, in dem sich der evangelische Kirchenchor Eppertshausen/Ober-Roden noch einsingt. „Wenn der Motor geht, ist’s halt schwierig“, entgegnete ihr eine Nachbarin. Am Sonntagabend zeigte sich der Gottesdienst in der Friedensgemeinde als ungewöhnlich: Verabschiedet wurde nämlich nicht nur Chorleiter Rochus Paul, sondern der komplette Kirchenchor, der kürzlich seine Auflösung beschlossen hatte. Pfarrer Johannes Opfermann eröffnete den Gottesdienste mit der Frage, ob der Gottesdienst nun von Freude oder Traurigkeit bestimmt sein sollte. „Beides ist angebracht“, gab der Pfarrer die Antwort selbst. Traurig dürfe man über den Verlust und den Abschied sein, freudig und dankbar über die Musik, die man über Jahrzehnte geschenkt bekam. Die Besucher forderte Opfermann auf, den Gottesdienst mit den letzten Sangesdarbietungen des Chors einfach nur zu genießen. Vor wenigen Tagen fand bereits die Verabschiedung der Sänger im Rahmen eines Motettengottesdienstes in Rödermark statt, nun sagten diese mit Unterstützung von Altistin Claudia Roth, Kristina Hensel (Flöte), Bernhard Wiertschorke (Violine) und Michael Roth (Continuo) auch in Eppertshausen ade.

Vor der Predigt sang der Kirchenchor rund eine Viertelstunde en bloc aus einem festlichen Motettengottesdienst von Dieterich Buxtehude. Dazu folgte ein weiterer Auftritt am Ende des Gottesdienstes. Im Anschluss lud die Friedensgemeinde zum Sektempfang, bevor der Chor im internen Kreis Abschied feierte. Mit dem Kirchenchor endete eine 41-jähige Tradition. Im letzten Jahr wurde noch groß das 40-jährige Bestehen begangen. Die Auflösung ist eng an den Weggang von Rochus Paul geknüpft. Der 28-Jährige sieht sich an einer Schwelle angekommen, bei der nun, mit Blick auf seinen berufliches Weiterkommen, der Schritt in den professionellen Sektor erfolgen muss. So möchte sich der Dirigent, Komponist und Pianist in Ruhe auf seine Bewerbungen als Korrepetitor mit Dirigierverpflichtung an verschiedenen Opernhäusern vorbereiten. Nicht wenige der rund 25 Köpfe des Chores nahmen sein Ausscheiden zum Anlass, damit ihren persönlichen Abschied zu verbinden.

Chormitglieder gaben sich gegenseitig Kraft

Vor allem Altersgründe wurden anführt. Wie Rochus Paul, der als zielstrebiger und hochqualifizierter Chorleiter gilt, sagt, verlässt er eine Sängergruppe, die trotz des hohen Altersdurchschnitts immer noch mit einem schönen Klang aufwarten konnte. Dazu hätte man die Sänger in vielfältiger Hinsicht fordern können, so wie beim großen Oratorium zum 40-jährigen Bestehen. Der Kirchenchor war vor sieben Jahren die erste Verpflichtung, die er als Chorleiter annahm. „Deshalb habe nicht nur ich den Chor geprägt, sondern auch er mich“, sagte Paul. In Erinnerung wird der gebürtige Heusenstammer, der in Frankfurt lebt, Kirchensänger behalten, die seine hohen Ansprüche stets mittrugen und die für Geschlossenheit standen. „Es war immer wieder spürbar, wie der Chor sich gemeinschaftlich Kraft gab, wenn einzelne Mitglieder Probleme zu bewältigen hatten“, erinnert sich Paul. Wie ein Mitglied des Kirchenvorstandes sagte, dürfte der Verlust dieser familiären Atmosphäre zukünftig wohl einer der schmerzvollsten Begleiterscheinungen der Chorauflösung sein.

So fanden dreimal im Jahr Feste statt, in denen man die zurückliegenden Geburtstage der Mitglieder feierte. „Der Weggang von Rochus Paul ist ein erheblicher Verlust. Er hat den Chor in den letzten Jahren nochmal ein ganzes Stück weitergebracht“, hebt Pfarrer Johannes Opfermann heraus. Die Fortschritte seien stets spür- und hörbar gewesen. Dennoch habe er Verständnis, dass dieser beruflich nun den nächsten Schritt machen will - und muss. Laut Opfermann hätte man sicherlich einen neuen Chorleiter gefunden, jedoch sei die Zahl der Chormitglieder, die parallel ihren Abschied ankündigten, einfach zu groß gewesen. Jetzt bleibe nur die Hoffnung, dass sich in Zukunft ein neuer Chor bildet. Für den Pfarrer ist damit aber nur eine vage Hoffnung verbunden: „Ein kompletter Neustart ist natürlich immer schwieriger, als eine Basis, die sich erweitern lässt“.

Quelle: op-online.de

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