„Die meisten wollen vergessen“

Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

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Pfarrer Harald Christian Röper unterhielt sich angeregt mit Referenten Daniel Gaede.

Eppertshausen - Am 27. Januar 1945 wurden die Überlebenden des KZ Auschwitz-Birkenau von den Soldaten der Roten Armee befreit. Er wurde zum Tag des Gedenkens. Auch in Eppertshausen wurde an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Von Peter Panknin 

Dort hatten der Ökumenische Arbeitskreis und die Gemeinde zu einem Vortrag mit dem Titel „Für wen welche Geschichten?“ ins Rathaus eingeladen. Als Referent konnte Daniel Gaede, langjähriger pädagogischer Mitarbeiter der Gedenkstätte Buchenwald in Weimar, gewonnen werden.

Der stellvertretende Vorsitzende des Kirchenvorstands der Evangelischen Friedensgemeinde Eppertshausen, Uwe Müller, begrüßte die zahlreich erschienenen interessierten Zuhörer und zitierte aus Roman Herzogs Proklamation von 1996: „Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.“

Referent Daniel Gaede ist Jahrgang 1956, aufgewachsen in Wetzlar und hat als Freiwilliger der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) in Israel gearbeitet. Am 26. April 1978 überlebte er schwerverletzt ein Nagelbomben-Attentat auf einen Reisebus mit ASF-Freiwilligen in der palästinensischen Stadt Nablus, studierte danach Politik und Geschichte mit Schwerpunkt Friedens- und Konfliktforschung in Berlin und Hamburg. Von 1995 bis 2014 leitete er die pädagogische Arbeit der Gedenkstätte Buchenwald.

Zu Beginn seines Vortrags schilderte Gaede die Herausforderungen, denen er sich angesichts des Titels „Für wen welche Geschichten?“ gegenüber sah. In Zeiten, in denen Flüchtlinge aus Weltregionen zu uns kommen, in denen auch Deutschland wieder an Kriegen beteiligt ist, und uns ihre ganz persönlichen Geschichten von Armut, Krieg und Flucht erzählen, in Zeiten, in denen auch Fremdenhass und Antisemitismus wieder zunehmen, hätten solche Fragen eine neue Bedeutung erhalten. Gaede gab Beispiele aufbauender Geschichten, in denen Überlebende der Konzentrationslager es geschafft haben, die Vergangenheit zu bewältigen. Er vergaß aber nicht zu erwähnen, dass es viele Menschen gab und gibt, die unterschiedlich mit ihrer Vergangenheit umgehen. Die meisten wollten vergessen, erwähnten nicht einmal Nachkommen gegenüber etwas davon, andere seien getrieben von Rachegedanken unterwegs. Unbekannt sei die Zahl derer, die psychiatrische Hilfe in Anspruch genommen haben, oder derer, die es nicht schafften.

Daniel Gaede führte aus, wie Berichte über Fakten schnell ideologisch in Anspruch genommen werden. Der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee folgte eine Nutzung dieses Lagers durch die Rote Armee, um erklärte Gegner und missliebige Personen einzusperren. „Davon wird allerdings wenig berichtet, die Befreiung war glorreicher“, sagte der Referent.

Nach kurzen Geschichten aus seinen persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen, gewonnen aus seiner pädagogischen Arbeit mit Besuchergruppen in den Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau Dora, forderte er die Anwesenden auf, sich untereinander Geschichten zum Thema zu erzählen. Er bat darum, dem Publikum darüber zu berichten. Der Austausch erfolgte im Zwiegespräch oder in kleinen Gruppen.

Aus der Teilnehmerrunde wurde über ein Erlebnis berichtet, verbunden mit der Frage, warum nicht durch den Einsatz von Unkrautvertilgungsmitteln der leblose, wüstenhafte Charakter der Gedenkstätten erhalten wird. Als Antwort kam, dass man das Leben nicht nur auf die Vergangenheit beziehen kann; wenn man überall dort, wo Menschen Verbrechen begangen haben, wüstenartige Zustände erhalten wollte – ganz Europa wäre eine Wüste.

Bundestag erinnert an Holocaust - Bilder

Quelle: op-online.de

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