Zirkus dank Mitmach-Konzept

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Mission erfüllt: Die Tiere gehorchen den Kindern und damit den Nachwuchs-Dompteuren aus Eppertshausen und Münster.

Eppertshausen - Die vielen Casting-Shows im TV beweisen einen Trend: Viele Kinder und Jugendliche träumen davon, ein gefeierter Star zu sein. Von Michael Just 

Der Mitmach-Zirkus Baldini kann diesen Traum ein Stück verwirklichen. Hier steht nämlich nicht die Zirkusfamilie – in diesem Fall die Krämers – sondern die Kinder des Gastspielortes im Mittelpunkt. Nachdem sie eine Woche lang kleine Kunststückchen und Tierdressuren mit Ponys und Hunden eingeübt hatten (wir berichteten), wartete auf sie bei der Abschlussvorstellung der tosende Applaus von 400 Eltern, Großeltern, Geschwistern und Freunden. Am Samstagmittag stand mit einer großen Show der Höhepunkt der Zirkusferien an, den die Jugendpflege von Eppertshausen und Münster sowie der Kinder- und Jugendclub der Volksbank Eppertshausen rund 100 Kindern ermöglicht hatte. Im Publikum wurden in einer Tour Kameras und Handy mit Foto- und Videofunktion in die Höhe gereckt, sobald der eigene Nachwuchs das Kreisrund der Manege betrat.

Seit den 50er Jahren gibt es das Familienunternehmen, das zwischen 330 anderen kleinen und großen Zirkussen, die in der Republik tingeln, sein Auskommen suchen muss. Als Glücksfall erwies sich 2005 der Kontakt zu dem Groß-Zimmerner Jugendpfleger Tom Hicking, der ein Projekt für einen Kinder-Mit-Mach-Zirkus entwickelte. Seitdem haben die Baldinis jährlich rund 30 bis 35 gebuchte Engagements bei Vereinen, Schulen und Firmen pro Jahr, was immerhin 80 Prozent der Arbeit ausmacht. „Durch Mundpropaganda und Werbung werden wir angerufen oder bekommen eine Mail“, so Junior-Chef Rocky Krämer.

Diese Einnahmen sichern nicht nur die Existenz in wirtschaftlich schweren Zeiten, sondern lassen durch die Buchungen vorab auch Kalkulationen für Anschaffungen zu. Die wären mit „normalem“ Programm weitaus schwieriger zu erwirtschaften, da man hier nie weiß, wie viele Besucher kommen. Die Preise für ein Engagement des Mitmach-Zirkus variieren: Je nach Anzahl der Kinder fallen Kosten für die Woche ab 2 500 Euro an, pro Kind lassen sich durchschnittlich 50 Euro rechnen. Dafür gibt es neben der Betreuung ein riesiges Zirkuszelt, Tiere und vor allem strahlende Kinder, die am liebsten mit dem Zirkus weiterreisen würden. An den Zirkus gehen auch die Einnahmen aus der Abschlussvorstellung.

Das Mitmach-Konzept ist gerade für kleine Zirkusse zu einer Überlebensgarantie geworden. Doch die Aufgabe ist nicht einfach: „Viele haben es versucht und wieder aufgegeben“, erzählt Rocky Krämer. „Bei einem Pferd weiß man, was einen erwartet, bei Kindern nicht“, so der 31-Jährige. Mit Kindern zu arbeiten, verlange aufgrund der unterschiedlichen Charaktere viel Geduld. Diesen nicht-zirzensischen Kraftakt brächten viele Kollegen nicht zustande. Geholfen hat den Baldinis die Frau von Rocky, die von außen zum Zirkus stieß und Erzieherin ist. Ihre Ausbildung schafft auch gegenüber Behörden die Grundlagen, mit Kindern pädagogisch arbeiten zu dürfen.

„Gibt es im Jahr 2014 eigentlich noch Zirkusromatik?“, geht die Frage an die Krämers. „Ja. Wir sind trotz der Moderne immer noch Nomaden“, antwortet Vater Alex Krämer, der während der Show als Messerwerfer und Lassoschwinger auftritt. Seine beiden Söhne Rocky und Tino planen die Zukunft der Baldinis. Rocky, Keanu (6) und Melodie (4) agieren ebenfalls schon in der Manege. Dass die Herausforderung nicht einfacher wird, die Leute unter die Zirkuskuppel zu ziehen, wissen die beiden jungen Männer: „Die heutige Zeit schafft von allem zuviel“, sagt Tino hinsichtlich der Reizüberflutung durch die heutige Medienwelt. Dennoch glaubt er mit seinem Bruder daran, dass die Zirkusluft weiter wehen wird – sofern man es geschickt anstellt.

Dazu gehört vor allem die Anpassung ans Publikum. Krämers zufolge hat das klassische Zirkusprogramm ausgedient, das im Verlauf seiner Geschichte zuerst auf Außergewöhnliches und dann auf Attraktionen aufbaute. „Beides ist heute sekundär. Der Unterhaltungswert ist das Wichtigste, die Show muss stimmen“, weiß Rocky. Dabei spielten Musik und Licht eine wesentliche Rolle. Weitere wichtige Rolle spielt seit jeher der Applaus als „zweites Brot“ für die Zirkus-Akteure. Im Mitmach-Zirkus erhalten die Krämers den durch ihre Mittler-Rolle, indem sie ihre jungen Gäste ins Rampenlicht stellen, kaum noch. Ein Problem? „Nein“, sagt Tino. „Wir sehen uns in der Rolle eines Fußballtrainers. Und die freuen sich auch, wenn ihr Team gewinnt.“

Quelle: op-online.de

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