Angeklagter bestreitet Vorwürfe

Musste Geisel Koranverse lernen?

Eppertshausen/Darmstadt - Geiselnahme, Körperverletzung, Nötigung und mehr wird einem zuletzt in Eppertshausen wohnenden afghanischen Ehepaar von der Staatsanwaltschaft vorgeworfen, gegen das vor der 12. Strafkammer des Landgerichts Darmstadt seit gestern verhandelt wird.

Der als Geiselnehmer angeklagte Mann hat die Vorwürfe bei Prozessauftakt von seinem Anwalt zurückweisen lassen. Über einen Zeitraum von insgesamt neun Tagen sollen der 44-jährige Ahmed M. und seine 37-jährige Frau Nesrin (Namen geändert, d. Red.) die heute 28-jährige Halbschwester des Angeklagten in ihrem Zimmer eingesperrt und zu religiösen Handlungen gezwungen zu haben. Dies geschah von Mai bis November 2015. Fünf Verhandlungstage sind für den Prozess unter Vorsitzendem Richter Christoph Trapp angesetzt.

Schlimm klingen die Vorwürfe, die den beiden aus Afghanistan stammenden Angeklagten vorgeworfen werden. Sie sollen ihr Opfer nicht nur gefangen gehalten haben. Die Halbschwester des achtfachen Vaters sei vom Familienoberhaupt gezwungen worden, Koranverse auswendig zu lernen und auf Ungläubige zu schimpfen. Dies in traditioneller islamischer Kleidung. Spurte sie nicht, oder konnte sie etwa eine Sure nicht korrekt aufsagen, setzte es Hiebe. Mit einem Stock und einem Kabelende soll sie geschlagen worden sein. Ihre Freizeitbeschäftigung habe das Opfer laut Anklage ebenfalls vorgeschrieben bekommen: Es musste sich stundenlang IS-Propaganda-Videos anschauen und auch Schwüre auf die Ziele des Islamischen States ablegen. Die „radikal-islamische Indoktrination“ habe sie zumeist mit knurrendem Magen hinnehmen müssen, denn zu Essen soll es nur spärlich gegeben haben.

Für Aufsehen sorgte die Aussage einer Schwester des Opfers. Sie erschien aus Angst nicht im Verhandlungssaal, sondern wurde per Video in einem anderen Gerichtszimmer befragt. Die 32-Jährige sagte unter Tränen, ihre Schwester sei „ein Häufchen Elend“ gewesen. Die Videos hätten „Leute gezeigt, die hingerichtet werden“. Die 32-Jährige ist wie die 28-Jährige Nebenklägerin. Der Angeklagte soll ihr ins Gesicht geschlagen haben, als sie einen Streit habe schlichten wollen. Die 28-Jährige selbst will nicht vor Gericht erscheinen. Sie beruft sich auf das Zeugnisverweigerungsrecht.

Bilder: Großrazzia gegen Salafisten-Vereinigung

„Zu keinem Zeitpunkt“ sei seine Halbschwester eingesperrt und gezwungen worden, Koranverse zu lernen und traditionelle islamische Kleidung zu tragen, ließ der 44-jährige Ángeklagte seinen Verteidiger mitteilen. Auch gebe es keine Verbindungen zu Terrororganisationen wie dem Islamischen Staat (IS). Sämtliche Vorwürfe seien Erfindungen seiner Verwandtschaft. Die intrigiere, um ihn und seine Familie los zu werden. Geldforderungen stünden zudem im Raum. Der Verteidiger verlas auch eine Erklärung seines Mandanten zu dessen Leben. Er sei „ein Bauerjunge gewesen und nicht in die Schule gegangen“.

Neben dem Mann steht auch seine Frau vor Gericht. Deren Anwalt sagte zum Verhandlungsauftakt, seine Mandantin mache von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Und weil auch das Opfer nicht aussagen wollte, kam es zur ersten Verhandlungsunterbrechung. Auch wenn die Frau heute nicht mehr gegen ihren Halbbruder aussagen will, so hatte sie vor der Polizei doch geplaudert, was auf einem Video aufgezeichnet wurde. Dies gelte, so der Richter, nicht als Beweis, sehr wohl aber die Einlassungen des Haftrichters, den man zu den massiven Vorwürfen der Anklage hören wolle. (tm/zpp/dpa)

Blutige Proteste nach Koranverbrennung

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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