Neidisch auf Siedler im „Käfertal“

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Roland Groh und Hedwig Konietschke erinnern sich gerne an alte Zeiten und an das Straßenfest vor zehn Jahren.

Eppertshausen ‐ „Eine Wohnung von 75 Quadratmetern für uns zu fünft, das war für uns ein richtiger Luxus“, schwärmt Hedwig Konietschke, wenn sie von ihren Anfangsjahren in Eppertshausen erzählt. Von Jasmin Frank

Auch als das vierte Kind kam, war es ihnen nicht zu eng, ganz im Gegenteil, die junge Familie wusste ihr neues Heim vor nunmehr 50 Jahren sehr zu schätzen und was heute für so manchen ein unzumutbares Wohnen gewesen wäre, wurde der Familie aus Oberschlesien sogar geneidet.

„Die Nebenerwerbssiedlungen wurden ja nicht nur in Eppertshausen sondern auch in anderen Städten und Gemeinden eigens für die deutschen Flüchtlinge aus den Gebieten im heutigen Tschechien oder Polen errichtet, weil diese ihr gesamtes Hab und Gut verloren hatten. Viele waren wie meine Eltern Bauern mit einem eigenen Hof gewesen“, erzählt die rüstige Dame, die noch heute ihren über 1 000 Quadratmeter großen Garten hegt und pflegt. Kleine Häuser mit großen Grundstücken, das war das Spezifische an den neu errichteten Wohngebieten. „Der Garten ist für mich mein Urlaub. Ich brauche nicht zu verreisen. Ein Blick über meine Beete und Blumen genügt mir und ich bin richtig glücklich und zufrieden“, schwärmt sie von ihrem Kleinod.

Eltern hatten kaum das Nötigste zum Leben

Konietschkes Familie hatte einen langen Irrweg hinter sich, bevor sie sich in Eppertshausen für ein Haus bewerben konnten, und es waren auch schon viele Jahre seit dem Krieg vergangenen, bis es ihnen gelang, hier ein Grundstück zu bekommen. „Viele Einheimische dachten ja, wir hätten die Häuser geschenkt bekommen. Aber jeder musste natürlich dafür bezahlen, insgesamt 50.000 Mark. Das Schwierigste war das Startkapital von 5000 Mark, das aufzubringen war“, erzählt sie. Dabei hatten sie und ihr Mann Glück, denn dessen Mutter hatte die Sparbücher über den Krieg und die Flucht retten können und so hatte er im Jahr 1960 zusammen mit seinem ersparten Lohn die Möglichkeit, das benötigte Geld aufzubringen.

Anders sah es bei den Eltern aus, die kaum das Nötigste zum Leben hatten: Hier legte die ganze Familie zusammen, um das Geld aufbringen zu können.

Auch Roland Groh, dessen Großvater Rudolf Neumann aus Rumänien geflüchtet war, weiß um die Startbedingungen: „Niemand hat die Flüchtlinge gern gesehen, obwohl sie ja auch Deutsche waren und viel Elend und Not hinter sich hatten. Auch die neuen Häuser, die zwar noch mit Kohleöfen betrieben wurden und nur fließend Kaltwasser hatten, wurden ihnen geneidet, obwohl die Eppertshäuser eigentlich froh hätten sein müssen, denn hier vor Ort gingen ja keine Bomben nieder, so dass niemand seinen Besitz verloren hatte.“

„Muss auf Leute zugehen“

Dennoch bekam das Viertel rund um die Nieder-Röder-Straße, den Lerchesberg und die Sudetenstraße den unschönen Namen „Käfertal“, weil den Einheimischen die Neulinge wie lästige Kartoffelkäfer vorkamen.

„Aber das Misstrauen legte sich bald. In den sechziger Jahren gab es ja genug Arbeit, so dass wir alle für unseren Lebensunterhalt sorgen konnten und wir hielten ja auch Hühner und Hasen. Die Leute haben bald gemerkt, dass wir alle sehr fleißig waren“, schmunzelte Konietschke, die trotz ihrer vier Kinder immer noch durch ihre Arbeit als Putzfrau Geld zur Haushaltskasse beisteuerte und zudem auch jahrelang die Kirche sauber hielt. Zudem kannte sie keine Berührungsängste und ist der Meinung: „Wenn man irgendwo fremd ist, muss man auf die Leute zugehen und nicht darauf warten, dass sie zu einem kommen.“

In Eppertshausen führte vor allem der katholische Glaube die Menschen zueinander, sie trafen sich im Gottesdienst, im Kirchenchor und bei der Kolpingfamilie. Auch Rudolf Neumann kam schnell mit den Eppertshäusern in Kontakt, wurde er doch rasch zum Siedlungssprecher gewählt, ein Amt, dass in der Familie verlieb und heute von Enkel Roland Groh ausgeübt wird. „Mein Großvater wurde insbesondere deshalb benannt, weil er als Sekretär bei der Bahn gearbeitet hatte und sich deshalb mit den Formularen von Behörden besser auskannte, als die meisten anderen, die ja häufig aus der Landwirtschaft kamen. Mir macht es auch heute noch Spaß, mit den anderen aus der Straße zusammen zu sitzen und zu reden, auch wenn schon einige Häuser verkauft worden sind und nicht mehr den ursprünglichen Familien gehören“, so Groh.

Er hatte vor zehn Jahren gemeinsam mit den Anwohnern ein großes Straßenfest organisiert, als das vierzigjährige Bestehen der Siedlungsgemeinschaft gefeiert werden konnte. Nun gilt es, ein halbes Jahrhundert Nebenerwerbssiedlung zu begehen, doch die Feierlichkeiten werden kleiner ausfallen, sind doch schon einige der Helfer des vergangenen Festes verstorben.

„Auch wenn wir weniger geworden sind, wollen wir doch an die Geschichte der Menschen, die ihre Heimat verloren haben und sich hier in Eppertshausen ein neues zu Hause geschaffen haben, erinnern“, sind sich Groh und Konietschke einig. Wohl fühlen sie sich allemal im ehemaligen „Käfertal“, das sich längst zu einem beliebten Wohngebiet gemausert hat.

Quelle: op-online.de

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