„Pessimisten verlängern den Tunnel“

Neujahrsempfang: Wolfgang Bosbach und Film über Röper locken mehr als 300 Gäste

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Mehr als 300 Gäste sahen beim Eppertshäuser Neujahrsempfang Ausschnitte aus Günter Maiers Doku über Pfarrer Harald Christian Röper.

Wenn der Neujahrsempfang der Gemeinde im großen statt im kleinen Saal der Bürgerhalle stattfindet, muss ein besonders interessanter Gast nach Eppertshausen gekommen sein.

Eppertshausen - CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach scheint für viele spannend – obwohl der 67-Jährige vor zwei Jahren aus dem Bundestag ausgeschieden ist. Mehr als 300 Besucher bedeuteten am Sonntagmittag jedenfalls eine Verdreifachung der üblichen Zahl an Menschen, die stets im Januar mit wichtigen örtlichen Protagonisten das neue Jahr begrüßen. Neben Bosbach waren Bürgermeister Carsten Helfmann, Filmregisseur Günter Maier und Pfarrer Harald Christian Röper die prägenden Persönlichkeiten der Veranstaltung.

Die spannte den Bogen von den lokalen Themen bis hin zur großen Politik. Helfmann oblag der bodenständige Auftakt: In gewohnt informativer Manier blickte er auf die wichtigsten Eppertshäuser Vorhaben 2020 voraus. Allen voran nannte er den Ausbau des Glasfaser-Netzes: „Wir werden eine der ersten Kommunen in Deutschland sein, die allen Wohn- und Gewerbeobjekten den Zugang ermöglichen.“ Entega Medianet und Deutsche Glasfaser haben bereits zehn Kilometer Leerrohre unter die Eppertshäuser Gehwege gelegt. Die Wege werden im Zuge der Versorgung mit dem superschnellen Internet ebenfalls großflächig saniert, wofür die Gemeinde bis 2022 mehr als drei Millionen Euro ausgibt. Als neue Idee brachte Helfmann ein, an den Kreuzungen die Gehwege abzusenken und Eppertshausen damit zu einer „barrierearmen Gemeinde“ zu entwickeln.

Helfmann versprach, obgleich der Haushalt für 2020 erst Ende Januar beraten wird, dass Eppertshausen weiter die günstigste Landkreis-Kommune bei den Hebesätzen von Grund- und Gewerbesteuer bleiben werde. Zudem sollen bis Ende des Jahres die 14 Sozialwohnungen an der Mozartstraße fertiggestellt werden.

In der Ortsmitte sollen neue Parkplätze entstehen und die Haltestelle „Mitte“ als letzte in Eppertshausen barrierefrei ausgebaut werden. Die Feuerwehr wird ein neues Tanklöschfahrzeug bekommen, die Bürgerhalle eine Klimaanlage und eine Art „fliegendes Dach“ für ihren Vorplatz. Im Frühjahr soll der Kaufvertrag für das Wohn- und Pflegeheim-Grundstück im Neubaugebiet „Am Abteiwald“ mit dem Gemeinnützigen Siedlungswerk geschlossen werden. Ob er bei den Bürgermeister-Wahlen im September erneut kandidieren werde, verriet Helfmann hingegen nicht. Dafür aber, dass die Gemeinde plane, in allen öffentlichen Liegenschaften kostenloses WLAN zu schaffen.

Harald Christian Röper dürfte dieser Punkt kaum interessiert haben. Er besucht täglich Eppertshäuser Familien und kommuniziert mit ihnen ganz klassisch von Angesicht zu Angesicht. Seit 1979 prägt der Pfarrer die katholische Kirchengemeinde St. Sebastian maßgeblich mit, engagiert sich mit seinem Bruder Friedrich Franz in einer gemeinsamen Stiftung für Jugendliche und hat sich einen Ruf als sehr sozialer, stets besonders an die Schwachen der Gesellschaft denkender Mensch erworben. Der Eppertshäuser Günter Maier hat ihm – nach einem Jahrzehnt der Gemeindechroniken und Werken zum örtlichen Gewerbe sowie „Eppertshausen von oben“ – eine halbstündige Dokumentation gewidmet, in der ein halbes Jahr Arbeit steckt (wir berichteten). Aus der Doku präsentierte Maier am Sonntag ein paar Ausschnitte, die den Zuschauern Lust aufs ganze Werk – so zeigte es der lange Applaus – gemacht haben dürften. Der Film ist fortan zum Preis von zehn Euro (DVD) oder 15 Euro (Bluray) im Pfarrbüro St. Sebastian erhältlich. Maier dankte der Pfarrgemeinde und der Gemeinde, die die Produktion des Films gefördert und unterstützt hatten.

Von Eppertshausen hinaus ins weite Deutschland nahm danach Wolfgang Bosbach mit. Der CDU-Mann hat zwar kein Bundestags-Mandat mehr und flimmert als einstiger Talkshow-Dauergast inzwischen etwas seltener über die Mattscheibe. Gefragt ist der „halbe Hessen“, dessen rheinländische Wurzeln beim Dialekt freilich glasklar die Oberhand gewonnen haben, aber immer noch: Helfmann verpflichtete ihn bereits im Sommer 2018 für den Eppertshäuser Empfang 2020. Noch immer spreche er auf 400 Veranstaltungen jährlich, verriet Bosbach am Sonntag. Wohlgemerkt bei 3 000 Anfragen pro Jahr.

Er appellierte, das scheinbar Alltägliche wieder stärker zu würdigen. Deutschland lebe in Frieden und Freiheit, sei wirtschaftlich enorm leistungsfähig und habe ein hohes Maß an politischer Stabilität. Dazu passe die manchmal allzu pessimistische Sicht der Dinge im Land nicht: „Wenn wir Licht am Ende des Tunnels sehen, verlängern wir den Tunnel.“ Dabei habe man in den vergangenen 70 Jahren beispielsweise 64-mal ein Wirtschaftswachstum gehabt – und Konstanz mit Kanzlerin Merkel in einem Zeitraum, während dem der Hamburger SV 19 verschiedene Trainer beschäftigt habe.

Allerdings waren auch Bosbachs Ausführungen, die er unterhaltsam darbot, nicht frei von Sorgen: Ihn treibe beispielsweise der massive Stimmenverlust der SPD um, sagte der CDU-Mann und betonte, das sehr ernst zu meinen. Auch äußerte er seine Furcht, in Deutschland könnten wirtschaftliche und soziale Leistungsfähigkeit auseinanderdriften: „Wir können uns auch im Interesse des Sozialstaats keine Deindustrialisierung leisten.“

VON JENS DÖRR

Quelle: op-online.de

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