Botschaft: „Das Ich wird am Du“

Bruder Paulus Terwitte begeistert beim Neujahrsempfang

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Mit schelmischem und vor allem offen-herzlichen Blick suchte Bruder Paulus immer wieder den direkten Augenkontakt zu einzelnen Zuhörern.

Eppertshausen - Bruder Paulus Terwitte, bekannter Medien-Kapuziner nicht nur im heimischen Raum, zog das Publikum in großer Zahl zum Neujahrsempfang der Gemeinde in die Bürgerhalle. Von Jens Dörr 

Es war der zehnte Neujahrsempfang der Gemeinde Eppertshausen, „doch das haben wir vorher nicht publik gemacht“, sagte Carsten Helfmann am Sonntag. Was der Bürgermeister der 6200 Einwohner (mit Zweitwohnsitzen zählt Eppertshausen nach den neuesten Zahlen 6600 Einwohner) damit ausdrückte: Im Rathaus habe man vorab Sorge gehabt, dass der kleine Saal der Bürgerhalle für den Empfang nicht ausreichen würde, wenn man vorab neben dem prominenten Gastredner auch noch das Jubiläum betont hätte. Dennoch galt: „So viele wie diesmal waren noch nie da.“ Die 140 gestellten Stühle im kleinen Saal – das Maximum nach Versammlungsstätten-Verordnung – waren nahezu komplett besetzt. 130 Personen lauschten. Sein Kommen musste niemand bereuen, und das nicht nur wegen Helfmanns faktenreicher Bestandsaufnahme des politischen Handelns in Eppertshausen zum Auftakt: Gastredner Bruder Paulus (bürgerlich Bernhard Gerhard Terwitte) hielt einen herausragenden Vortrag über nichts weniger als das, was einen Menschen seiner Ansicht nach zum Menschen machen sollte.

„Personalität, Subsidarität und Solidarität“, führte der 57-Jährige, wie stets gekleidet in eine von einem Seil zusammengehaltenen Kutte, vor seinem rasch recht gebannten Auditorium zusammenfassend an. Was er vorab freilich wesentlich anschaulicher dargestellt hatte, als es reine Schlagworte vermitteln können. „Lust am Du - Freude an der Sorge für andere“, hatte der Guardian des Kapuzinerklosters Liebfrauen in Frankfurt, der aber vor allem durch zahlreiche TV-Auftritte und durch die Leitung des Dieburger Kapuzinerklosters zwischen 2006 und 2009 Bekanntheit in der Region erlangt hat, seinen einstündigen Exkurs betitelt. Er widmete sich einer der wichtigsten Sinnfragen: Wofür sind wir da, wofür sind wir Mensch geworden? „Das Ich wird am Du“, lautete Paulus’ mehrmals wiederholte Antwort, die er anhand vielfältiger Gedanken und Alltagsbeispiele konkretisierte. Einerseits bedeute die Aussage, „dass jeder ein Recht hat mich zu stören – du hast einen Anspruch auf mich“, sagte der 1985 zum Ordenspriester geweihte Mann, der in Eppertshausen gern mit schelmischem und vor allem offen-herzlichen Blick den direkten Augenkontakt mit einzelnen Zuhörern suchte. Vor denen blieb er dann stehen und sah sie intensiv an, ohne dabei aufdringlich zu wirken. „Aufdringlich“ – auch wenn Paulus es so nie nennen würde, weil das Wort nun einmal mit einem negativen Touch belegt ist – dürften jedem Menschen gegenüber andere aber sein, die Hilfe und Unterstützung benötigten. „Probleme“ seien als „Herausforderungen“ zu betrachten. „Räumen Sie die Schriftrollen beiseite und kommen Sie ins Gespräch“, rief er auf. Was er auch als Appell an Staat und Politik verstanden wissen wollte, obgleich er nach Helfmanns allseits lobenden Ausführungen zum Auftakt Eppertshausen als Insel der Glückseligen von derlei Unbill augenzwinkernd ausnahm.

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Wichtig also sei, „was die Grundlagen unseres Miteinanders sind“. Hierfür forderte Paulus ein neues Bewusstsein. Zu oft habe er den Eindruck, der Mensch befinde sich „im Gefängnis einer Excel-Tabelle“. Es seien aber gewiss nicht die Zahlen, auf die es im Leben ankomme, und auch nicht der Ansatz, so viel Genuss wie möglich zu erleben. „Nicht das, was wir haben, gibt uns die Sicherheit“, stellte Paulus heraus, „sondern das, was wir sind.“ Zu dem werde man, wenn man helfe, das Du über das Ich stellen: „Das Ich wird am Du“, so Paulus erneut. „Ich bin ein ich, weil jemand zu mir du gesagt hat. Wir sind dafür da, dass sich der eine um den anderen sorgt.“

Quelle: op-online.de

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