Passion mit Detail-Liebe

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Liebe zum Detail: Als Meisterleistung traten sowohl die Kostüme als auch das Bühnenbild der Passionsspiele hervor.

Eppertshausen - „Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, ruft Jesus-Darsteller Wolfgang Lüddicke verzweifelt und schaut mit schmerzvollem Blick zum Himmel. Es ist nicht das einzige Mal am Karfreitag, dass die Zuschauer bei den Eppertshäuser Passionsspielen 2009 die Gänsehaut ereilt. Von Michael Just

Doch bevor der Messias für die Menschen am Kreuz sterben kann, hat der Schöpfer auch in diesem Fall den Schweiß gesetzt: 250 Akteure, verteilt auf 70 Schauspieler, vier Chöre und das Mandolinenorchester, übten monatelang, um die Bibel und damit die Grundlage einer Weltreligion greifbar zu machen.

Damit die Passionsspiele, die laut Pressesprecherin Petra Herd 9 000 Euro gekostet haben, aufgrund der Vielzahl der Mitwirkenden organisatorisch kein leichtes Unterfangen sind, wird zehn Minuten vor Aufführungsbeginn sichtbar. „Nikodemus und Menassus haben ihre Headset-Mikrofone noch nicht abgeholt“, sagt ein Mitglied der MKM-Showtechnik nervös. Währenddessen drängen sich rund 2 000 Zuschauer hinter den roten Absperrbändern.

Impressionen zu den Passionsspielen

Passionsspiele Eppertshausen

„Klar, ein bisschen aufgeregt bin ich schon“, sagt Pontius Pilatus alias Willi Trux und beruhigt sich mit der Feststellung, dass alle Mitwirkenden Laiendarsteller sind. „Wir müssen nur zweimal singen“, sieht Liederkranz-Mitglied Bernhard Nierula die Sache durch das Chor-Kollektiv etwas leichter.

Pünktlich um 12 Uhr reitet Jesus auf Esel „Harry“ von der Thomashütte aus dem Tor des katholischen Kindergartens. Kinder und Erwachsene in wunderschönen Gewändern und Palmzweigen begleiten ihn und jubeln ihm zu. Es folgen die Tempelreinigung, die Bergpredigt, das letzte Abendmahl, der Verrat durch Judas und die Gefangennahme. Auf dem Rathausplatz wird Jesus von Pontius Pilatus und Herodes verhört.

Nicht nur den jüngeren sondern auch den älteren Mitwirkenden wird die Aufführung 2009 wohl noch lange in Erinnerung bleiben.

In der Darstellerriege sind mit Hassan Kahlif und Ibrahim Zayed zwei Eppertshäuser dabei, die ursprünglich aus Palästina kommen. „Ich wurde in Bethlehem geboren. Für mich ist das Spiel ein Stück Heimat“, sagt Kahlif. Zayed hebt heraus, dass es für ihn kein Problem sei, als Moslem einen Juden in einem christlichen Stück zu spielen: „Ich glaube an Frieden und den einen gemeinsamen Gott.“

Nicht nur in der Bibel kommt Herodes (gespielt von Werner Herrschaft) besondere Aufmerksamkeit zu – auch in Eppertshausen: Sein Auftritt ist die einzige größere Szene, bei der der Text der Akteure nicht 100-prozentig sitzt und Regisseurin und Souffleuse Gisela Belzer mehrmals Hilfestellung geben muss. Als Herodes laut ins Mikrofon sagt „Wie geht es denn jetzt weiter?“, bringt er das Publikum zum Schmunzeln. „Das war schön“, sagt eine Frau im Publikum zu diesem nur allzu menschlichen Hänger. Nach der Aufführung nimmt Belzer Herodes in Schutz: Dieser sei ins Straucheln gekommen, da ein Vorredner vom Text abwich.

Wer am Karfreitag genau auf Kostüme oder Bühnenbild schaute, erkannte eine wundervolle Liebe zum Detail: Bei der Tempelreinigung flogen 16 weiße Tauben eines Eppertshäuser Züchters auf, den biblischen Marktplatz zierten neben vielen Tonkrügen sogar ein Kasten mit Zwerghühnern. Wie echt wirkten bei Jesus die blutverkrusteten Striemen der Geißelung, die ein Maskenbildner erstellt hat.

Vor allem vor dem Rathaus und auf dem Festplatz tummelten sich die Menschen auf den zahlreichen Sitzgelegenheiten.

Der Höhepunkt der Passion folgte auf dem alten Friedhof mit der Kreuzigung: Der kleine Hügel erschien wie prädestiniert für das biblische Golgatha. Als Jesus stirbt und der Satz „Wahrhaftig! Dieser Mann war Gottes Sohn!“ fällt, steht die Ergriffenheit vielen Besuchern ins Gesicht geschrieben – es ist so still, dass man jedes Räuspern vernimmt.

Bei der zweistündigen, etwas verkürzten Aufführung zu 2006, fiel immer wieder auf, dass die Organisatoren viel aus der Premiere gelernt und verbessert haben. Darunter die professionelle Tontechnik, zwei Bühnen für eine bessere Sicht und 800 Sitzplätze, was vor allem von den älteren Besuchern dankbar angenommen wurde. Auch die Schauspieler reiften mit: Ausdrucksstark in ihren Rollen wirkten Günter Seidel als Judas, Alexander Neiß als Petrus, Willi Trux als Pontius Pilatus und Paula Scharf als Maria.

Die Würdigung der mühevollen Vorbereitung äußerte sich nach dem Spiel in den fast ausschließlich positiven Stimmen des Publikums (siehe Kasten). Eine Sache fehlte am Ende: ein großer Schlussapplaus für die 250 Akteure. Laut Gisela Belzer sei die lautlose und wortlose Auflösung der Veranstaltung nach der letzten Szene beabsichtigt, um die Leute nachdenklich in die Ostertage zu entlassen. Der Applaus hätte vielen Besuchern aber gut getan, da sich während der zweistündigen Dramaturgie viel Anspannung und Ergriffenheit aufgebaut hatte, die darauf wartete, wenigstens ein bisschen gelöst zu werden. Verdient hätten die Schauspieler den Schlussapplaus für ihre großartigen Leistungen ohnehin.

Quelle: op-online.de

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