Gänsehaut bei den Zuschauern

Eppertshausen - In eine riesige Freilichtbühne mit Orten aus der Bibel verwandelten die Eppertshäuser am Karfreitag ihre Heimatgemeinde nach 2006 und 2009. Damit wagten sie sich zum dritten Mal an die große Herausforderung von Passionsspielen heran. Von Michael Just

Rund 1800 Menschen – wegen der Kälte etwas weniger als zuvor – wollten hautnah erleben, warum die Christenheit Ostern feiert. Darunter sind auch die Rodgauer Gertrud und Walter Holewik. Die Seniorin hat als Kind schon die Aufführung in Oberammergau erlebt. „Wir wissen von Freunden, dass Eppertshausen was auf die Beine stellen kann“, sagt sie erwartungsfroh. Ulrike Wroblewski (53) ist aus Remscheid und derzeit zur Kur in Bad Camberg. Nachdem die Spiele selbst in der dortigen Presse angekündigt wurden, hat sie sich schlau gemacht, wo Eppertshausen liegt und die 88 Kilometer mit ihrem Auto zurückgelegt. „Das ist die beste Einstimmung auf Karfreitag und Ostern“, meint sie. Dazu sei es toll, wie die Darsteller mit ihren Kostümen von zuhause zur Aufführung laufen: „Da sieht man, dass die Sache aus dem Volk kommt.“

Dass Eppertshausen für Passionsspiele prädestiniert ist, hebt Jesus-Darsteller Alexander Neiß hervor. So seien neben den 250 Mitwirkenden noch viele weitere Menschen in die Aufführung integriert. Mit den Worten „Niemand muss, aber viele wollen“ beschreibt er das Verpflichtungsgefühl im Ort, dass die Spiele erfolgreich verlaufen und sich die Gemeinde bestmöglich präsentiert. Bestes Beispiel sei ein Friseurgeschäft im Ort, das ihm kostenlos Haarverlängerungen eingesetzt (Normalpreis: 400 Euro) und so seine modische Kurzhaarfrisur der Neuzeit in einen Jünglings-Look vor 2000 Jahren verwandelt hat. Nun gleicht Neiß, der 2006 noch den Petrus mimte, dem Jesus aus den Bilderbüchern. Seine Rolle hat der 39-jährige Berufschulpädagoge in der Familie und im Pfarrkreis reflektiert und sich intensiv mit der Exegese und damit der Auslegung der Bibel beschäftigt. Wie er ankündigt, wird er seine Rolle intensiv durchleben: „Die Stimmung kippt bei mir vor der Kreuzigung, wenn ich die Augen schließe.“ In der Aufführung sieht er gleich mehrere Botschaften, darunter auch eine Gegendemo zu den Kritikern des Tanzverbot am Karfreitag. „Man kann nicht alles nur säkular und weltlich sehen“, sagt er deutlich.

Bilder von den Passionsspielen

Passionsspiele an Karfreitag

In der Aufführung hat Regisseurin Gisela Belzer gut herausgearbeitet, wie die Hohen Priester den Tod Jesu immer wieder forcieren. Dazu trägt der neu eingeführte Erzähler gut zum Verständnis der Handlung bei. Ganz besondere Emotionen wecken die Gesangvereine und das Mandolineorchester mit ihren Einlagen. Diese hätten durchaus mehr Einsätze verdient. „Die Aufführung ist toll, dramaturgisch lässt sich bei den langen Dialogen zwischen dem Hohen Rat, Pilatus oder Herodes noch was machen“, meint ein Zuschauer, als sich der Tross zur Kreuzigung auf den Alten Friedhof bewegt.

Der eignet sich mit einem kleinen Hügel ideal zum Aufstellen der Kreuze. Hier greifen Ort und Interpretation der Akteure so gut ineinander, dass kaum ein Zuschauer ohne Gänsehaut bleibt. Vor allem bei bekannten Bibelzitaten wie „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun“, rinnen bei vielen Tränen vor Ergreifung. Als besonders ausdrucksstark zeigen sich Paula und Jasmin Scharf als Maria und Maria Magdalena in der Beweinungsszene. Der Schlussapp-laus fällt ganz leise aus, weil sich erstmal alles setzen muss. Ibrahim Zayed hat seine dritte Aufführung hinter sich gebracht. Ohne Probleme spielte der Palästinenser und Muslim den jüdischen Priester Gamaliel. „Gott ist eins“, beschwört er die Einheit der großen Religionen im Alten Testament. Sein Mitwirken sieht er als Zeichen gegen alle Radikalen. „Wenn alle so spielen würden wie wir, gäbe es keine Probleme“, ist er sich sicher.

Quelle: op-online.de

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