Ökologischer Ackerbau

Kehrtwende liegt nicht bei uns

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Dr. Felix Prinz zu Löwenstein referierte über ökologischen Ackerbau.

Eppertshausen - Bei Freunden der Regenbogenpresse dürfte alleine schon begeisternd wirken, dass Dr. Felix Prinz zu Löwenstein blaublütig und über mehrere Ecken mit Prinz Charles verwandt ist. Von Michael Just

Die, die etwas mehr Anspruch an einen Menschen herantragen, schätzen den 62-Jährigen als Bio-Landwirt und als ökologischen Vordenker, der eine Revolution in der industriellen Landwirtschaft fordert, um alle Menschen auf dem Globus satt zu machen.

Nun war der Habitzheimer zu einem Vortrag in Eppertshausen zu Gast. Eingeladen hatten die Kolpingfamilie und der Weltladen in den kleinen Saal der Bürgerhalle. Die Resonanz mit 160 Personen übertraf alle Erwartungen. Den Kontakt zu Löwenstein stellte Pfarrer Harald Christian Röper her, der einst in Habitzheim als Aushilfspfarrer wirkte. „Er hat sich in die Pfarrgemeinde eingegliedert. Seine Einstellung und sein Engagement waren vorbildlich, er spülte und machte Tischdienste“, erinnert sich Röper.

„Food Crash – Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr“

Schon seit längerer Zeit macht der Agrarwissenschaftler als Bio-Landwirt auch international von sich Reden. Dazu hat er ein Buch verfasst. Der Titel: „Food Crash – Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr“. Die These klingt bedingungslos, erst recht mit Blick auf sieben Milliarden Menschen, die ernährt werden wollen und für die die Äcker zum Lebensmittelanbau – etwa durch Erosion oder zum Gewinn von Energie – immer weniger werden. Zum Gegensteuern scheint es bessere Erträge und eine höchst innovative Agrarindustrie zu brauchen, die es mit Pestiziden, Kunstdünger und Gentechnik schon richten wird.

„Die Lösung liegt gerade nicht in einer Produktionssteigerung“, machte Löwenstein klar. Dabei hat er weniger quantitative Resultate vor Augen, als vielmehr die Art und Weise, wie die industrielle Landwirtschaft produziert. Die nutze die Ressourcen zu exzessiv, zerstöre die natürlichen Lebensgrundlagen und das bäuerliche Einkommen in der Dritten Welt. Letzteres begünstige dort den Hunger. Mittelfristig geht Löwenstein davon aus, dass dadurch irgendwann das gesamte globale Ernährungssystem zusammenbricht.

20 Prozent der Lebensmittel nicht in Ladentheke

Ebenfalls bedenklich: 20 Prozent der Lebensmittel schaffen es durch Aussortieren nicht bis zur Ladentheke, weitere 30 Prozent nicht auf den Teller. 50 Prozent aller produzierten Lebensmittel werden demnach weggeschmissen, was einen verschwenderischen Wahnsinn darstellt.

Den derzeitigen Irrweg zeigte der Habitzheimer auch am Rückgang der Biodiversität und bei der Tierhaltung auf. Nicht nur mit Blick auf die ethischen Verfehlungen forderte er, dass die Preise für Huhn und Schwein der ökologischen Wahrheit entsprechen müssen. Damit ging an die Gäste die Frage einher, ob jeder von uns bereit ist, deutlich mehr für sein Fleisch zu bezahlen.

Mit zahlreichen Ansätzen zur Nachhaltigkeit unterstrich Löwenstein den Grundgedanken der Kolpingfamilie, die mit diesem Vortrag das Ziel hegte, dem Erhalt der göttlichen Schöpfung nachzukommen. Der Mann am Pult betrieb keine apokalyptische Schwarzmalerei, vielmehr machte er auf intelligente Weise klar, dass sich so nicht weiter wirtschaften lässt.

Wissenschaftliche Ansätze

Hier und da lieferte er auch eine Reihe wissenschaftlicher Ansätze, etwa über Düngeverfahren und Methoden der Feldbestellung, die Laien in ihrem Hintergrundwissen überforderten. Schuldig blieb er eine realistische Einschätzung, inwieweit sich seine Forderungen umsetzen lassen. So dürften Großkonzerne nur ein geringes Interesse daran haben, sich ihr Marktmonopol samt Einnahmen zerstören zu lassen.

Bei der anschließenden Fragerunde war abzusehen, dass viele Zuhörer wissen wollten, was jeder einzelne tun kann. Wie Löwenstein sagte, können Verbraucher Bio-Lebensmittel kaufen, was in der jüngeren Vergangenheit bereits zu einer Verdoppelung der Produktion führte. Stellenweise liege sogar eine Unterdeckung vor.

Für eine große Kehrtwende liegt der Ball laut dem Experten aber nicht in den Händen der Verbraucher. Hier seien die Politik und der Staat gefordert, die Rahmenbedingungen so zu setzen, dass Landwirte – wenn sie sich dem ökologischen Landbau zuwenden – rentabel arbeiten können. Das sei, auch mit Blick auf den dringend notwendigen Umbau der EU- Subventionspolitik, momentan nicht der Fall.

Quelle: op-online.de

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