Zur Souffleuse krabbeln

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Professionell: Bei der Theater-Klausur mit Grillabend wurden neue Schaupspieler integriert.

Eppertshausen - Es ist für jeden Theater schauspieler die größte anzunehmende Katastrophe: Unverhofft kommt der Blackout und der gesamte Text ist wie weggeblasen. Günter Seitel von der Schauspielabteilung des Gesangvereins Germania 1890 hat diesen Fall schon erlebt. Von Michael Just

Damals entschied er sich, da er ohnehin schon auf dem Boden saß, zum Kasten mit der Souffleuse zu krabbeln. Die hielt ihm den Text vor Augen. Als er laut durch das Mikro sagte, dass er den ohne Brille nicht lesen kann, war das im Publikum der größte Lacher des Abends. „Da haben die Leute das Menschliche honoriert“, sagt der Eppertshäuser heute.

Seit 20 Jahren ist Seitel nun schon dabei. Bei seiner Premiere sprang er als Ersatz ein und blieb. Im September wird er mit seinen zwölf Schauspielkollegen zum ersten Mal in der neuen Bürgerhalle auftreten. Seit Januar laufen die Vorbereitungen, jetzt geht es unter anderem mit den Stellproben in die heiße Phase.

Das „Theater-Jubiläum“ von Erich Koch verspricht einen unvergesslichen Abend: 110 Minuten mit zwei Pausen sorgen für reichlich Nervenzusammenbrüche auf der Bühne und Schenkelklopfer beim Publikum. Die Komödie könnte kaum besser zur Germania passen: Auch hier geht es um einen Gesangverein, der zu einem feierlichen Anlass ein Theaterstück aufführen will. Sogar die Weltpolitik wird eingeladen und kommt. Wer einmal die deutsche Bundeskanzlerin live erleben möchte, sollte die Aufführung auf keinen Fall verpassen.

Seit 40 Jahren liebt es ein kleiner Teil der Germania-Sänger und Mitglieder bereits, in andere Rollen und Charaktere zu schlüpfen. Alles fing intern mit kleinen Stücken für die Weihnachtsfeier an. Seit 1981 lässt man die Bevölkerung mit einem abendfüllenden Programm mitlachen. Auf ihre Riege lässt Gisela Belzer, die von Anfang an als Regisseurin die Geschicke lenkt, nichts kommen: „Ich habe durchweg gute Leute, die mit Herz und aus Überzeugung dabei sind.“

Einer davon ist Hans Müller. Wer ihn beim Spielen beobachtet, erkennt schnell, dass es sich hier um ein Eppertshäuser Original handelt. Das beweist er auch an Fastnacht mit seinem Einstieg in die Bütt. „Da bin ich Einzelkämpfer, hier im Verbund der Gruppe. In beiden Fällen ist es die tolle Herausforderung, etwas auf die Beine zu stellen“, sagt er.

In diesem Jahr gibt es drei neue Gesichter: Christoph Visone, Jasmin Scharf und Armin Müller. Sie sind hinzugekommen, nachdem andere Schauspieler aus beruflichen und gesundheitlichen Gründen ausschieden. Am Sonntag traf sich die Truppe deshalb zu einer Theater-Klausur: Im TAV-Heim wurde zusammen gefrühstückt, bestimmte Szenen durchgespielt und danach noch bei Regisseurin Gisela Belzer im Garten gegrillt. Ziel war es, die Gemeinschaft zu beschwören und sich näher kennenzulernen.

Die Aufführungen finden am 15./16. September um 20 und um 17 Uhr in der Bürgerhalle statt. Die Karten gibt es an den bekannten Vorverkaufsstellen zu zehn Euro.

Zu den Neuen gehört Armin Müller. Der 48-jährige Medienberater sieht sich als Spätberufener in Sachen Theater. „Die haben jetzt so lange gebohrt, bis ich dem Hilferuf nachgab“, erzählt er. Seine bisherige Bühnenerfahrung ist nicht groß, aber es gibt eine. „Biedermann und die Brandstifter“ hieß das Stück aus der Schulzeit. Bisher hält sich seine Nervosität in Grenzen. „Die wird sich kurz vor der Aufführung sicherlich einstellen“, glaubt er. Probleme mit dem Text dürfte es keine geben: Selbst kürzlich im Urlaub in Ungarn am Plattensee war das Rollenheft dabei. „Die Kinder haben mich abgehört. Die kennen den Text genauso gut wie ich“, lacht er darüber, dass Sohnemann und Tochter als Ersatz bereitstünden.

Jasmin Scharf oder Günter Seitel sind dem genauen Beobachter schon von den Passionsspielen bekannt. Auf einen Vergleich zwischen Passion und Germania befragt, gibt es laut Seitel Parallelen aber auch große Unterschiede. Einerseits bleibe eine Rolle eine Rolle, andererseits sei das Genre komplett unterschiedlich. „Bei der Bibel ist man aufs Wort festgelegt. Bei der Komödie lässt sich leichter improvisieren und auch mal sinngemäß etwas sagen.“ Dazu stünde Dialekt gegen Hochdeutsch. Eine große Herausforderung sei, dass bei der Komödie im Gegensatz zur Tragödie noch mehr der Funke überspringen müsse. Alles in allem habe die Komödie aber einen kaum zu schlagenden Vorteil: „Es gibt eigentlich nichts Schöneres, als die Leute zum Lachen zu bringen.“

Quelle: op-online.de

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