Schweigen und Schuldgefühle

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 70 Gäste kamen am Montagabend zur Eröffnung der Ausstellung „Fegt alle hinweg“. Ursula Ebell ( links) referierte gemeinsam mit ihrem Mann Hansjörg.

Eppertshausen - Mediziner Hansjörg Ebell und seine Frau Ursula haben die Hatz auf jüdische Ärzte in Nazi-Deutschland aufgearbeitet: Ausstellung im Eppertshäuser Rathaus. Von Jens Dörr

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Vernichtungslager der Nationalsozialisten in Auschwitz-Birkenau. Exakt 69 Jahre danach wurde auch in Eppertshausen der Opfer des dunkelsten Kapitels der deutschen Geschichte gedacht. Im Rathaus eröffneten am Montagabend Mediziner Dr. Hansjörg Ebell und seine Frau Ursula ihre Ausstellung „Fegt alle hinweg“, die sich mit der Hatz auf jüdische Ärzte insbesondere zwischen der Machtergreifung der Nazis 1933 bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 auseinandersetzt.

Vor 70 Zuhörern erläuterten die beiden auf Einladung des Evangelischen Dekanats Vorderer Odenwald einerseits den Aufbau ihrer Ausstellung, die im Erdgeschoss und im ersten Stock des Rathauses zu sehen ist. 30-mal hat das Ehepaar die Schau bereits präsentiert. Andererseits nutzten die Ebells ihre Einführung zu einer ersten Übersicht zum Ausstellungsthema.

Schweigen wegen Schuldgefühlen

Besonders anschaulich ist jener Teil der Ausstellung, in dem Hansjörg und Ursula Ebell den Schicksalen ein Gesicht geben. 20 Porträts jüdischer Mediziner zeigen teils sehr unterschiedliche Lebensgeschichten und Umgangsweisen der Betroffenen mit dem Hass, der ihnen spätestens seit 1933 unverhohlen entgegenschlug. „Aufgrund der Diffamierung und Ausgrenzung bot vielen nur die Emigration eine Lebensperspektive“, sagte Hansjörg Ebell. Er bezeichnet sich als „typischen 68er“, der vor rund 45 Jahren mehr und mehr die Nazizeit zu hinterfragen begann. Die sei bis dato nicht ausreichend aufgearbeitet worden – und jener Teil über die Vertreibung der jüdischen Ärzte schon gar nicht. „Das Schweigen hatte meist mit Schuldgefühlen zu tun“, meinte Ebell am Montag.

Im Vortrag, in dem er sich mit seiner Frau abwechselte, streiften beide die teils unglaubliche Propaganda gegen die jüdische Ärzteschaft („Fegt sie alle hinweg“; schließlich eine Zeitungsüberschrift „Die gesamte Gesundheitsversorgung von Juden gereinigt“), die weiteren Lebenswege der Ausgewanderten (die teils in fremder Sprache ihre Zulassungen neu erwerben mussten) und auch die grausame „Forschung“ nationalsozialistischer „Ärzte“ in den Konzentrationslagern. Dort sei Häftlingen bei lebendigem Leib Gewebe entnommen worden.

Üble Rolle

Überhaupt beschönigten die Referenten das Verhalten vieler nichtjüdischer Ärzte gerade ab 1933 nicht. „Ihre Rolle war aber schon vorher, gegen Ende der Weimarer Republik, eine üble“, so Hansjörg Ebell. Gerade Mediziner aus dem konservativen und faschistischen Segment besetzten schließlich die Praxen der jüdischen Ärzte. Die sozialistisch gesinnten Mediziner hätten derweil rühmlicher agiert.

An den Vortrag schloss sich zunächst im Saal eine Diskussion an, die anschließend in der Ausstellung fortgesetzt wurde. Zu sehen ist die Schau „Fegt alle hinweg“ montags bis freitags von 8 bis 12 Uhr sowie montags von 16 bis 18 Uhr. Gruppen können nach Vereinbarung auch zu anderen Zeiten eine Führung erhalten.

Quelle: op-online.de

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