Marlis Mais Tod reißt große Lücke

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Marlis Mai (rechts) war ihr Leben lang für die Waisenkindern in Rumänien da.

Eppertshausen - Ende September starb Marlis Mai, die das Waisenhaus „Villa Kunterbunt“ im rumänischen Sincrai gründete und aufbaute.

Ihr Tod lässt die Pfarrei St. Sebastian ihre Rumänienhilfe zukünftig auf ein neues Fundament stellen, denn die 63-Jährige war für Casa de Copii einer der wichtigsten Bezugspunkte. Unser Mitarbeiter Michael Just hat sich mit Sascha Wolf, der die jährlichen Hilfstransporte von Eppertshausen aus organisiert, darüber unterhalten, wie es nun weitergeht.

Der jüngste Hilfstransport Mitte Oktober fand kurz nach dem Tod von Marlis Mai statt. Verlief alles wie geplant?

Bis auf die regelmäßigen Problemchen an der Grenze verlief alles ganz gut. Das Verladen kostete auch diesmal wieder viel Zeit: Der erste Lkw dauerte fünf Stunden, beim zweiten waren wir aufgrund der sperrigen Sachen wie Fahrräder und Möbel von morgens 9 bis nachts um 2 Uhr beschäftigt. Wer uns kennt, der weiß, dass wir jeden Zentimeter nutzen.

Wie war die Stimmung bei der Ankunft in der Villa Kunterbunt?

Die Pflegekinder waren alle da. Sie kamen raus und haben beim Ausladen geholfen. Die Stimmung war natürlich gedrückt. Zum einen ist der Tod von Marlis nicht lange her, zum anderen ist ihr Grab nur 100 Meter vom Haus weg. Früher sagte uns die Marlis, wo die Sachen hinkommen. Diesmal mussten wir uns auf die Routine verlassen, dazu wurde immer wieder improvisiert.

Wie man hört, waren die letzten Tage nicht nur von Trauer über den Tod von Marlis Mai, sondern auch von Ungewissheit über die Zukunft des Waisenhauses geprägt.

Sascha Wolf, heute 38 Jahre, setzt sich seit seiner Zeit als Zivi bei St. Sebastian für die Rumänienhilfe ein.

Ja, das stimmt. Zunächst bestand natürlich die Möglichkeit, dass die Behörden die Kinder auf die staatlichen Heime verteilen. Nach wie vor sind es ja Kinder des Staates, da Marlis die Adoption der Kinder als Ausländerin nicht möglich war. Wir wollen natürlich die Villa Kunterbunt aufrecht erhalten. Zum einen hat Casa de Copii geholfen, das Haus zu bauen, zum anderen hat es Marlis nach deutschem Vorbild sehr hochwertig ausgestattet. Es ist kein Vergleich zu den ärmlichen rumänischen Heimen, die wir den Kindern ersparen wollen. Mit den Behörden sind wir erstmal übereingekommen, dass die Villa und die Kinder bleiben, sofern die Finanzierung aus Deutschland weitergeht.

Wie ist die derzeitige Situation?

Die beiden Haushälterinnen von Marlis halten den Betrieb aufrecht. Sie kennen die Kinder und haben eine sehr enge Bindung. Derzeit kümmern sie sich rund um die Uhr um sie. Das geht aber nicht auf Dauer, da sie eigene Familien haben.

Wie sehen die jüngsten Entwicklungen aus?

Die rumänische Caritas in der nahen Kreisstadt Alba Iulia wird zukünftig die Koordination des Waisenhauses übernehmen. Sie betreibt bereits zwei Häuser mit Heimkindern. Ihr Einstieg ist für den operativen Betrieb wichtig. Das Haus bleibt im Besitz der Stiftung und auch sonst soll sich für die Kinder wenig ändern. Die Caritas vertritt zukünftig die Standpunkte von Casa de Copii vor Ort und gegenüber den Behörden. Das können wir als Ausländer alleine in Rumänien nicht machen. Die Zusammenarbeit wird in einem Vertrag geregelt. Finanzielle Hilfen gibt es von der Caritas für die Villa Kunterbunt aber nicht. Die Finanzierung muss auch weiterhin aus Eppertshausen erfolgen.

Mit dem Verkauf der Waren aus den Hilfstransporten konnte Marlis Mai ihr Waisenhaus unterhalten. Diese Erlöse könnten ihrer Aussage zufolge vielleicht bald nicht mehr reichen. Und dann?

Vorher hat sich Marlis Mai 24 Stunden um die Kinder gekümmert. Das muss jetzt durch Personal kompensiert werden. Die rumänischen Behörden wollen fünf Personen, die im Schichtbetrieb und an den Wochenenden arbeiten. Zwei decken wir durch die bisherigen Haushälterinnen ab. Die Caritas hat bereits schnell reagiert und die Betreuung mit einer Frau aufgestockt. Da die Behörden Fachpersonal fordern, dürften die Unterhaltskosten für uns steigen. Den Kindern stehen jetzt aber auch Gelder vom rumänischen Staat zu. Dafür wird sich die Caritas einsetzen. Insgesamt müssen wir abwarten, wie sich die Aufwendungen für Casa de Copii entwickeln.

In Deutschland wollte Marlis Mai nicht beerdigt werden?

Nein, das wollte sie in dem Land, in dem sie stirbt. Beerdigt wurde sie nur 100 Meter von ihrem Haus. Von der Ecke des Friedhofs schaut sie nun direkt auf ihre Villa Kunterbunt.

Woran starb Marlis Mai und wie wird man sie in Erinnerung behalten?

Es war Nierenversagen, was zu einer Blutvergiftung führte. Sie hatte aber auch Zucker und andere kleinere Gebrechen. Ihre Freunde und Unterstützer erlebten sie immer mit einer großen Klappe und einem noch größeren Herzen. Die große Klappe meine ich positiv, denn anders hätte sie in Rumänien als Deutsche kaum etwas erreicht. Gearbeitet hat sie stets für drei. An den Wochenenden war sie in der Regel mit den sechs Kindern alleine. Wie so oft, sieht man erst mit dem Tod, was jemand geleistet hat. Das war im Fall von Marlis Mai eine ganze Menge.

Spendenkonto: Freunde der Villa Kunterbunt, Voba Eppertshausen, BLZ 508 655 03, Nr. 39 160

Quelle: op-online.de

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