Selbsterfahrung in vielen Farben

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Schön: Da hat wohl jemand viel Liebe im Sinn gehabt...

Eppertshausen ‐ „Rumsauen ist erlaubt“, sagt Werner Frank und lächelt. Dann zückt er einen Pinsel, taucht ihn in die Farbpalette und malt den strahlenden Orange-Ton mit langen Strichen aufs Papier. Von Veronika Szeherova

Der Eppertshäuser ist Ausdrucksmaler. Eine ganz spezielle Form der Kunst – denn die Bilder entstehen ganz spontan und drücken so unmittelbar die Gefühle des Malenden aus. Die Kreisvolkshochschule Offenbach hat nun einen Kurs im Ausdrucksmalen neu im Angebot, mit Frank als Leiter.

Eigentlich ist der 54-Jährige von Beruf Verwaltungsangestellter. Zum Ausdruckmalen kam er vor mittlerweile mehr als zehn Jahren eher durch Zufall: „Es war meine Zeit von Töpferkursen und Co. Aber es erfüllte mich nicht so richtig, und ich begann, nach einem neuen Hobby zu suchen.“ Diese Suche brachte ihn schließlich zum Odenwald-Institut, wo er einen Lehrgang über das Ausdrucksmalen absolvierte. „Die Beschreibung gefiel mir, und ich hab´s dann einfach mal probiert“, erinnert sich Frank an „eine schöne und angenehme, aber auch sehr intensive Woche.“ Er habe schnell gemerkt, dass er endlich etwas gefunden hatte, was ihm richtig Spaß macht. Erste Erfahrungen als Kursleiter machte er in der Kunstwerkstatt einer Freundin in Aschaffenburg.

Linien, Flächen, Formen mit eigener Dynamik

„Erwachsene sind in ihrer Kreativität oft sehr eingeengt von Normen, Konventionen und Sanktionen, warten auf Anweisung“, sagt Frank. „Ich ermutige sie, sich davon zu befreien und wie Kinder zu sein, die mit Begeisterung und Neugier einfach drauf los malen.“ Dem leeren, 70 mal 100 Zentimeter großen Blatt Papier an der Wand solle man sich ganz vorbehaltlos nähern – und einfach anfangen. „Mal sehen, was passiert“, lautet die Devise. Denn es passiert immer etwas. „Es entstehen Linien, Flächen, Formen, die eine ganz eigene Dynamik entwickeln“, erklärt Werner Frank. „Man beschreitet und erschafft eine neue Welt, in der man aber bekannte Elemente findet. Im Laufe des Malens bekommt jeder ein Gefühl für sein Bild.“

So erinnert sich Frank an eine Kursteilnehmerin, die auf ihr Bild eine dunkle, bedrohlich wirkende Stelle malte und darin ihren Chef erkannte. Sie offenbarte daraufhin Schwierigkeiten an ihrem Arbeitsplatz. „Die Bilder haben immer einen Bezug zur aktuellen Lebenssituation“, weiß der Eppertshäuser. „Probleme können sich darin widerspiegeln.“ Darum bietet die Kreis-VHS den Kurs unter der Rubrik „Psychologie“ an.

„Bestimmte Regeln stellen wir vorher auf“

Doch der Ausdrucksmaler macht ganz deutlich: „Es geht hier nicht um Therapie, sondern um Selbsterfahrung. Außerdem bleibt das, was man hier erfährt, im Raum.“ Er male als Kursleiter nicht selbst mit, sondern gebe nur Gedankenanstöße. „Aber zu viel Überlegen und Nachdenken ist nicht gut, man malt am besten immer einfach weiter.“ Es gebe beim Ausdrucksmalen kein Falsch oder Richtig, keine Vorgaben und keine Bewertung, ja nicht einmal notwendigerweise eine Interpretation.

Der nächste Kurs ist am Samstag, 20. November, von 13.30 bis 17 Uhr in Franks Malraum in Eppertshausen. Kosten: 35 Euro. Anmeldungen und Informationen bei der Kreis-VHS unter Tel. 06103 3131 1313 oder auf der Internetseite der Volkshochschule.

„Bestimmte Regeln stellen wir aber vorher auf“, so Frank. „Die Bilder werden nicht von der Wand gerissen und auch nicht weggeschmissen“. Wer unzufrieden mit dem bisher Gemalten ist, kann es einfach beliebig oft übermalen oder abspachteln. Die speziellen „Gouache-Farben“, ähnlich wie Dispersionsfarbe, machen das möglich. Die Maltechnik ist egal – man kann verschiedene Pinsel, Schwämme oder Spachtel nehmen, und ruhig verschwenderisch sein, wie Frank gern betont. Außerdem sei es wichtig, dass man ein großes Papier habe, das an der Wand hängt, so dass im Stehen gemalt wird. Bewegungsfreiheit ohne Einschränkung eben.

Geht nicht darum, große Probleme zu lösen

Zu 80 Prozent würden Frauen an seinen Kursen teilnehmen, erzählt Frank. „Männer haben wohl mehr Probleme damit, ihre Scheu und Konventionen zu überwinden“, vermutet er. Es brauche eine gewisse Neugier und Aufgeschlossenheit. „Viele denken sich, sie könnten ja gar nicht malen, haben es seit vielen Jahren nicht mehr gemacht und trauen es sich einfach nicht zu“, sagt Frank. „Das ist schade, denn Nicht-Malen-Können gibt es gar nicht.“

Die größte Freude sei für ihn, Menschen zu helfen, diese Scheu zu überwinden, ihnen Vertrauen zu geben und sie ein wenig aus dem Alltagstrott zu holen. Es ginge keineswegs darum, irgendwelche großen Probleme zu lösen. Frank: „Audrucksmalen ist wie ein Experiment – man weiß nie, wo die Reise hingeht.“

Quelle: op-online.de

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