Diplom-Sozialarbeiter als neuer Jugendpfleger

Pragmatiker mit Überblick

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Interkommunaler Jugendpfleger hat Erfahrung und Anspruch an sein Tun: Detlef Pröve. Detlef Pröve (rechts), neuer interkommunaler Jugendpfleger für Münster und Eppertshausen am Kicker mit den beiden Bürgermeistern Carsten Helfmann und Walter Blank (am Tischende) sowie Jugendlichen Im JUZ Münster.

Münster/Eppertshausen - Bevor Detlef Pröve zum Bewerbungsgespräch mit Bürgermeister Carsten Helfmann ging, schaute er sich erst einmal an seinem neuen Arbeitsplatz um und informierte sich. Von Thomas Meier 

„Das hat mir sehr imponiert. Als wir uns die Hände im Rathaus schüttelten, wusste der neue Sozialarbeiter bereits, wo sich die Jugend im Ort trifft, wo der Schuh zwickt“, sagt Eppertshausens Verwaltungschef. Mit dem 48-jährigen Diplom-Sozialarbeiter haben er und sein Amtskollege aus Münster, Walter Blank, den dritten interkommunal arbeitenden Jugendpfleger innerhalb zweier Jahre gefunden. Und dies schon vor längerem, denn er arbeitet bereits seit 1. Juni für die beiden Orte. Detlef Pröve hat von Natur aus mit seinen 2,02 Meter Größe den Überblick. Er ist wissbegierig, offen und macht einen sehr kompetenten Eindruck, wenn er über seine Arbeit spricht. Das einnehmende Wesen des gebürtigen Recklinghauseners hat auch Bürgermeister Walter Blank überzeugt, nun den richtigen für den nicht leichten Aufgabenbereich in den beiden Nachbarkommunen gefunden zu haben. Pröve studierte Soziologie, Psychologie und Pädagogik, um dann in seiner Heimat Mölln vor 21 Jahren als Diplom-Sozialarbeiter einen gleichsam hochinteressanten wie hochbrisanten Arbeitsplatz anzutreten.

Nur kurz nach den furchtbaren Brandanschlägen vom 23. November 1992 in Mölln, bei denen drei Menschen starben und neun zum Teil schwer verletzt wurden, trat er in die Dienste der Stadt im Südosten Schleswig-Holsteins, in der Till Eulenspiegel gestorben sein soll. Kümmern sollte sich der Streetworker damals um Neonazis und Skins. Vor den entsetzlichen Anschlägen hatte eine schrill geführte Asyldebatte ihren Höhepunkt erreicht. Ein brandheißer Arbeitsplatz. In den zwei Jahrzehnten seines Wirkens erklomm der Akademiker mit reichlich Straßenerfahrungen in Mölln die Stufen der Verwaltung bis hin zum Leiter des Amts für Jugend, Schule, Sport und Kultur. „Zum Schluss sah ich statt Weite und Leben nur noch Aktenberge vor mir“, sagt Pröve heute. Er wechselte aus dem schmucken Mittelzentrum Lauenburgs an den Ortsrand von Münster ins Jugendzentrum, eine ehemalige Lagerhalle der Elima. „Back to the roots“ nennt der blonde Hüne diese Entwicklung, wobei dieses „Zurück zu den Wurzeln“ angesichts seiner Klientel kein Zuckerschlecken werden dürfte.

„Bedarf an Sozialarbeit ist größer als Angebot“

Weil seine Ehe auseinander ging und seine Kinder in Deutschland verteilt lebten, sei der neue Standort inmitten Deutschlands und nahe des Flughafens „perfekt“, strahlt Pröve. Das nimmt etwas ab, kommt er auf seinen neuen Aufgabenbereich zu sprechen. „In beiden Orten ist der Bedarf an Sozial- und Jugendarbeit größer als das Angebot“, konstatiert er glasklar, den Blick fest in die Augen seiner beiden neuen Chefs gerichtet. Und weiter geht seine Analyse: Das Ehrenamt sei in Eppertshausen sehr gut abgedeckt, in Münster hingegen sei effektives Streetworking mit der bestehenden Personalressource nicht befriedigend zu bewältigen. Man müsse nun schauen, wie man die Probleme anpacke. Entweder mit dem Ist-Stand an Personal das angehen, was eben machbar ist, oder aufstocken und zielgerichtet Missstände abbauen. In Münster liegen die Probleme mehr im Argen als in Eppertshausen, was sicherlich auf Größe und Struktur zurückzuführen ist.

Zwar sei in beiden Kommunen ein intaktes Vereinsleben, aber „nicht alle Heranwachsenden lassen sich dort auch einbinden“. Pröve sieht in der „aufsuchenden Jugendarbeit“ seine Aufgabe. Die richtet sich ausdrücklich an gefährdete und gefährdende Jugendliche und junge Erwachsene. Jugendlichen in Konflikten gelte es, professionell zur Seite zu stehen, ist sein Credo. In beiden Kommunen, mehr noch in Münster, müsse kontinuierliche Beziehungsarbeit geleistet werde. Praktische Lebenshilfe und konkrete Unterstützung bei Lebenskrisen will Pröve leisten. Und hat in Münsters JUZ bereits seinen Weg eingeschlagen. Als er nicht an die „nicht unproblematischen Jugendlichen“ dort herankam, weil die teilweise aggressiv und unwillens waren, bekochte er sie. Und siehe da: „Mit gefülltem Magen ging der gröbste Stress erst mal weg, der erste Bann war gebrochen.“ Der Pragmatiker im Akademiker behält zumeist die Oberhand. In Münster gibt es ein Drogenproblem, stärker noch als es in Eppertshausen auch mal vorkomme. Rechtsradikale Tendenzen könne er nicht ausmachen, wenngleich einige Jugendliche sicher zu rechtsradikalen Schmierereien oder Symbolen neigten, um ihre Umwelt zu provozieren.

Pröve wünscht sich Sozialraumanalyse

Sind es in Eppertshausen rund 500 Personen, die als „Jugendliche und junge Erwachsene“ gelten (letztere zählen bis zu 26-Jährigen), so sind dies in Münster rund 1300, wie Olaf Salg, Leiter der Abteilung Soziales, Kinder- und Jugendförderung, sagt. Rund zehn Prozent von ihnen werden von der Vereinsarbeit nicht erreicht, sie stellen die Gruppe dar, die Pröve erreichen soll. Dem Jugendpfleger zur Seite stehen in Eppertshausen zwei bewährte Honorarkräfte, in Münster eine Honorarkraft. Aber Münster hat weitere Pädagoginnen für weitere Sozialarbeiten und die Jugendarbeit in Altheim, so einfach lasse es sich nicht aufrechnen, verdeutlicht Salg. Sich um diejenigen zu kümmern, die woanders durchzufallen drohen, beschreibt Bürgermeister Blank das Anforderungsprofil an den Neuen, der auf René Bach folgt. Der war nach Dennis Rühl gekommen, den ersten interkommunalen Jugendpfleger, der allerdings nach einem Jahr des Wirkens das Handtuch warf: Zu schwierig, zweier Herren Diener zu sein.

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Bach erfüllte die Erwartungen seiner Chefs nicht, musste nach der Probezeit gehen. Was sich der „Neue“ für seine hehre Aufgabe wünscht? „Eine Sozialraumanalyse“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Die Struktur der Einwohnerschaft beider Wirkungsstätten hätte Pröve gern untersucht, eine Prognose für die Zukunft an der Hand. Welche Bevölkerungsentwicklung kommt auf uns zu, wo gilt es, bereits jetzt prophylaktisch anzusetzen. Die Chefs hörten es wohl. So eine Analyse kostet laut Blank 20.000 Euro, für Salg „fängt es bei 10.000 an“. Münsters neuer Bürgermeister kann sich schon mal Gedanken machen ...

Quelle: op-online.de

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