Ladengeschäft von Astrid Hauke 

Die Tante Emma aus dem Failisch

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Seit sechs Jahren betreibt Astrid Hauke den Tante-Emma-Laden – offiziell: „Kiosk & Bäckerei“ – in der Spessartstraße im Eppertshäuser Wohngebiet „Im Failisch“.

Eppertshausen - 2011 hat Astrid Hauke das Ladengeschäft in der Spessartstraße übernommen. Sie setzt auf Kaffee, frisches Brot, haltbare Lebensmittel und soziale Kontakte. Von Jens Dörr

„Ohne mich könntest du hier zuschließen“, sagt Astrid Hauke und lässt zwei Becher Kaffee aus der Maschine laufen. Dann erzählt sie, wie es ihr gelingt, bereits seit sechs Jahren Eppertshausens letzten Tante-Emma-Laden, offiziell benannt als „Kiosk & Bäckerei“, zu betreiben. Doch zunächst muss die Kundschaft bedient werden: Einen Handwerker dürstet es nach einer Erfrischung, kurz darauf kommt eine Stammkundin die Tür herein. „Am Samstag brauchen wir kein Brot“, ruft sie Hauke zu. Was sich die 43-Jährige merkt und bei ihrer Order an die zulieferende Bäckerei Schrod aus Ober-Roden berücksichtigen wird.

„Die Kunden sagen mir inzwischen schon von sich aus, was sie an den einzelnen Tagen der Woche brauchen und was nicht“, berichtet die Eppertshäuserin. „So gehen meine Kalkulationen ganz gut auf.“ Lebensmittel-Verschwendung sei ihr ein Graus, auch das Verfüttern alter Backwaren an Nutztiere solle möglichst die Ausnahme bleiben. „Am Anfang habe ich mal drei Stück Butter übrig gehabt, die ich um ein Haar weggeschmissen hätte“, erinnert sie sich fast schaudernd. Zum Glück wollte eine Kundin Kuchen backen. „Der habe ich die Butter dann geschenkt.“ Verderbliche Lebensmittel – eben etwa Milchprodukte – habe sie wegen der ungewissen Verwertung bald wieder aus dem Sortiment genommen. „Die Kunden akzeptieren das. Oder sie bleiben weg.“

Viele Leute verloren hat Hauke durch die Umstellung ausschließlich auf Backwaren und ansonsten nur lange haltbare Lebensmittel sowie Zeitungen und Zeitschriften damit offenbar nicht. „Die Kundenzahl ist seit 2011 recht konstant.“ Eine Annahmestelle für Post- und Wäscherei erweitert ihr Angebot.

Ihr Laden, den einst Ursula Feuerfeil als kleinen Edeka-Markt betrieb, liegt in der Spessartstraße und damit im Wohngebiet „Im Failisch“. Auf rund 500 Bewohner wuchs das Areal im Eppertshäuser Osten an, seit es 1965 zur Bebauung freigegeben worden war. Unter der Woche sieht Hauke pro Tag etwa jeden zehnten Failisch-Bewohner, an Samstagen deutlich mehr. „Zwischen 6 und 9.30 Uhr ist am meisten los.“ Im Geschäft steht sie derweil meist schon ab 5.30 Uhr. Laufkundschaft und Menschen aus dem restlichen Eppertshausen verlören sich selten zu ihr: „Die allermeisten sind Stammkunden.“

Doch auch ihnen gerecht zu werden, verlangt der „Tante Emma aus dem Failisch“ trotz Ruhetagen am Montag und Sonntag immensen Einsatz ab. Ihr Mann arbeitet anderweitig im Drei-Schicht-System, Mitarbeiter hat Hauke keine. „Das wäre kaum zu bezahlen. Wäre ich mal krank, müsste der Laden geschlossen werden.“ Miete für den Geschäftsraum zu löhnen, wäre finanziell ebenfalls nicht darstellbar. Die Immobilie haben Hauke und ihr Mann, deren Wohnung hinter dem Ladenraum liegt, vor ein paar Jahren gekauft. So geht der Plan schon seit sechs Jahren auf. Und hat mehr unter sozialen und familiären Aspekten denn aus monetären seinen Reiz für die energiegeladene Frau, die mit ihrem Lachen und ihrer guten Laune offenbar nicht nur im Gespräch mit der Presse freigiebig umgeht.

Das große Plus, das das immer rarere Geschäftsmodell für Hauke birgt, ist die Vereinbarkeit des Broterwerbs mit der Betreuung ihres sechsjährigen Sohnes Alexander. Er hat einen äußerst seltenen Gendefekt, braucht besondere Zuwendung und Therapien und geht in eine nahegelegene Eppertshäuser Kita. „So bin ich nur für zehn Minuten weg, wenn ich ihn hinbringe oder abhole“, erzählt die Unternehmerin, die in diesem Moment in erster Linie Mutter ist. Dann schließt sie ihren Laden kurz ab. „Wäre ich noch in meinem früheren Beruf als Industriemechanikerin tätig, könnte ich während der Arbeit wohl nicht einfach zweimal kurz weg“, sagt sie.

Ihr „Kiosk & Bäckerei“ biete hingegen nicht nur die Chance, zum Familieneinkommen beizutragen: „Es sorgt dafür, dass wir als Familie leben können.“ Die große Hoffnung für die nahe Zukunft ist, dass dies auch so weitergehen kann, wenn Alexander schulpflichtig wird. Der Besuch einer Regelschule sei unwahrscheinlich, die Eppertshäuserin hofft aber, dass es mit der Mira-Lobe-Schule als Sprachheilschule klappen könnte. „Das wäre optimal und ist nun das Wichtigste, was in naher Zukunft ansteht.“

Das „Daily Business“ in der Spessartstraße soll davon unbeeindruckt weiterlaufen. Trotz der besonderen Herausforderung in der eigenen Familie, hat Hauke stets ein offenes Ohr für ihre Kunden und oft auch mehr als eine Minute Zeit für einen Plausch. „Ich sehe bei manchen an der Nasenspitze, wenn ihnen was nicht passt oder sie etwas bedrückt. Viele kämen nicht nur wegen ofenfrischem Brot, Streuselkuchen, Zeitungslektüre oder dem Kaffee für den Weg zur Arbeit vorbei: „Der soziale Kontakt ist ganz wichtig.“ Von vielen sei auch die ein oder andere „diskrete Information“ gewünscht. „Wenn einer beim letzten Mal nicht im Turnen war, wollen die Leute von mir wissen, weshalb“, sagt Astrid Hauke. Geht’s um Leute aus dem Failisch, kennt sie meist die Antwort.

Quelle: op-online.de

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