Nur vier Minuten Zeit

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Auch bei einem Säugling muss die Erstversorgung sitzen. Wie Voraushelfer richtig agieren, lernten sie am Dummy.

Eppertshausen - Mit blassem Gesicht sackt der Mann in den Armen der Voraushelfer zusammen. Deren Fragen kommen ruhig aber bestimmt: „Wie heißen Sie, nehmen Sie Medikamente, ist Ihnen kalt?“ Von Michael Just

Christian Weber, Stefanie Gruber und Sven Steiger messen den Blutdruck, die Sauerstoffversorgung und die Herzfrequenz. Als sie kurz darauf die Vorgabe „Blutdruck 90 zu nicht mehr messbar“ und „kein Puls“ bekommen, diagnostizieren sie einen Herzinfarkt. Um den Defibrillator zur Herz-Lungenwiederbelebung anzusetzen, wechseln sie vom lebenden Objekt zum Dummy. Kurze Zeit später bekommt das Trio ein dickes Lob vom Ausbilder-Team: „Ihr habt beim Herzinfarkt richtig gehandelt und sofort defilibriert und reanimiert!“ Auch die Teamarbeit sei gut gewesen. Nur eine Kritik bringen die Ausbilder an: „Beim Herzinfarkt keine Beine hochlegen, da das Herz ohnehin schon schwer arbeitet und deshalb eine verstärkte Blutzufuhr nicht sinnvoll ist.“

Acht Stunden jedes Jahr muss laut einer Kreisauflage ein Voraushelfer (VH) sich fortbilden. Am Pfingstsamstag fand ein solcher Lehrgang im „Haus der Vereine“ in Eppertshausen statt. VHs werden immer dann alarmiert, wenn der örtliche Rettungsdienst vor allem in ländlichen Regionen einen weiten Anfahrtsweg hat oder gerade an einem anderen Unfallort ist. Sie wohnen im gleichen Ort und ergreifen Erstmaßnahmen beziehungsweise überbrücken die Zeit bis der Notarzt kommt. „Der Gründungsgedanke für die VH entspringt aus dem Herzstillstand. Man sagt nach vier Minuten erleidet das Gehirn einen irreparablen Schaden“, erklärt DRK-Fachdienstbeauftragter Timo Haug die Devise „je früher desto besser“. Die VH werden zeitgleich mit dem Rettungswagen und dem Notarzt alarmiert. Die wenigen Minuten Vorsprung können wie beim Schlaganfall entscheidend sein. So spielt in den Lehrgängen vor allem die Herz-/Kreisbelebung und der Umgang mit dem Defibrillator eine wichtige Rolle. Bei kleineren Unfällen ist oft nur eine seelische Komponente gefragt, die beruhigt und die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungswagens verkürzt.

Voraushelfer-System

Das Voraus-Helfer-System beruht auf dem „First-Responder-System“ der Amerikaner. Aufgrund einer Empfehlung des Hessischen Sozialministeriums hat im Juli 2005 die Einführung im Landkreis Darmstadt-Dieburg begonnen. Derzeit gibt es zwölf Systeme im Altkreis, die von acht DRK-Orts- und vier Feuerwehrvereinen betrieben werden. Sie befinden sich in Dorndiel, Eppertshausen, Groß-Umstadt, Münster, Reinheim, Schaafheim, Zeilhard- Georgenhausen, Semd, Kleestadt, Heubach, Wiebelsbach und Otzberg. Das System ist in Hessen noch nicht überall eingeführt. Im Altkreis Dieburg gründet es auf einer engen Zusammenarbeit zwischen DRK, Feuerwehr, Landkreis und dem ärztlichen Leiter des Rettungsdienstes, Dr. Edgar Müller.

Welche Leute agieren als VH? „Das kann ein Metzger, ein Schlosser oder auch Heilpraktiker sein“, klärt Haug auf. Allen sei gemein, dass sie Mitglieder in einem DRK-Orts- oder Feuerwehrverein sind und sich für diese ehrenamtliche Tätigkeit ausbilden ließen. Wie wichtig das VH-System ist wird an der Einsatzhäufigkeit sichtbar: 2008 gab es im Altkreis Dieburg 244 Einsätze, seit Einführung sind es bereits über 600. Siebenmal wurden Menschen erfolgreich wiederbelebt. „Das ist natürlich das größte Erlebnis, wenn man jemand ins Leben zurück holen kann“, weiß Haug. Dennoch gebe es auch den umgekehrten Fall, dass man manchmal nichts mehr tun könne. Für diese psychische Belastung existiere dann ein enger Kontakt der VH zur Kreis-Notfallseelsorge. Laut Haug könne man derzeit im Altkreis mit dem VH-System zufrieden sein. Dennoch gebe es ein paar Löcher auf der Landkarte. Neben Fischbachtal wünsche er sich auch in manch größeren Städten mehr Bewegung: „In Dieburg oder Babenhausen müsste von der Größe der Stadt etwas mehr passieren.“ Da das Engagement von den Ortsvereinen abhängt, rief er diese dazu auf, das VH-System nachhaltig zu fördern.

Da die Ortsvereine die Kosten für die VH aus eigener Tasche bezahlen müssen, haben sich die Sparkasse Dieburg und ihre Stiftung dazu entschlossen, deren Arbeit nachhaltig zu unterstützen. Wie 2008 gab es auch diesmal einen Scheck für alle beteiligten Ortsvereine des DRK und der Feuerwehr. Insgesamt wurden 3 600 Euro überreicht. Bereits vor zwei Jahren finanzierte die Sparkasse Dieburg die Anschaffung von 15 Defibrillatoren im Gesamtwert von 30 000 Euro.

Quelle: op-online.de

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