„Wir müssen lernen, mit Viren zu leben“

Eppertshäuser Hausarzt Röckel sieht Umgang mit Corona kritisch

Betreibt eine „Corona-Schwerpunktpraxis“ in Eppertshausen und arbeitete 20 Jahre in der Pharmaindustrie: Hausarzt Dr. Matthias Röckel.
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Betreibt eine „Corona-Schwerpunktpraxis“ in Eppertshausen und arbeitete 20 Jahre in der Pharmaindustrie: Hausarzt Dr. Matthias Röckel.

Interview: Der Eppertshäuser Hausarzt Dr. Matthias Röckel sieht den politischen, medialen und wissenschaftlichen Umgang mit Corona kritisch. Er sagt, Impfstoff könnte Basis eines Exit-Szenarios sein, hat aber Bedenken hinsichtlich der Sicherheit.

 Eppertshausen – Das Interview mit Dr. Matthias Röckel beginnt mit einer persönlichen Erklärung. Dem Facharzt für Allgemeinmedizin, der seit 2017 in Eppertshausen praktiziert, früher 20 Jahre lang für die Pharmaindustrie in der Arzneimittel-Entwicklung arbeitete und dessen Praxis im Sandweg aktuell als „Corona-Schwerpunktpraxis“ fungiert (siehe Infokasten), liegt eine Vorbemerkung am Herzen: „Die Berichterstattung zu coronakritischen Stimmen ist regelmäßig begleitet von Hinweisen über populistischen oder rechtsextremen Hintergrund der Kritiker“, sagt er. „Auch wird über Corona-Kritiker dann häufig berichtet, wenn sie Verschwörungstheorien nachgehen“, fügt er hinzu.

Er betont: „Mir ist es wichtig zu verdeutlichen, dass ich weder eine rechtsextreme Gesinnung habe noch an Verschwörungen glaube. Ich lehne die Positionen von Politkern des rechtsextremen Spektrums, von Populisten oder von den vielen Verrückten, die einen gemeinen Plan hinter dem Corona-Virus vermuten, auf das Entschiedenste ab. Meine Meinung ist vollkommen losgelöst von politischen Interessen.“

Und sie ist kritisch, gegenüber dem politischen, medialen und wissenschaftlichen Umgang mit Corona. Im Interview mit unserer Zeitung hat der Mediziner dennoch den Mut, sie zu äußern.

Herr Röckel, was ist Covid-19 für Sie unter dem Blick des Allgemeinmediziners?

Diese Frage kann man nicht mit einem Satz beantworten. Darin liegt eins der Hauptprobleme: Die Antworten sind nicht einfach und vieles ist noch nicht ausreichend untersucht. Es gibt widersprüchliche Studienergebnisse, die Datenlage ist verworren. Ein klares Bild zur Gefahr, die von diesem Virus ausgeht, werden wir erst in zwei bis drei Jahren haben können. Deswegen finde ich den Umgang von Medien, Experten und Politikern mit diesem Thema wenig verantwortungsvoll.

Welche Erfahrungen machen Sie in Ihrer Hausarzt-Praxis?

Das ist natürlich nur ein sehr begrenztes Blickfeld - ich würde jedoch sagen: Corona ist keine Pandemie, welche sich von den Viruserkrankungen, die wir seit Jahrzehnten kennen, wesentlich unterscheidet. Bei den allermeisten in meiner Praxis positiv getesteten Personen traten entweder gar keine Symptome auf oder es bestanden Symptome eines leichten grippalen Infektes. Seit Beginn des Jahres waren lediglich zwei meiner Patienten so schwer erkrankt, dass eine stationäre Einweisung erforderlich war. Beide sind inzwischen wieder genesen.

Sie halten die Angst und Verunsicherung vieler Menschen für schlimmer als die Erkrankung selbst. Wer erzeugt aus Ihrer Sicht diese Angst?

Die Angst entsteht durch die mediale Befeuerung, der wir seit Monaten ausgesetzt sind. Die Berichterstattung wird durch einseitige Expertenmeinungen und einige Politiker seit Beginn genährt. Es sind fast immer dieselben Stimmen, die zu hören sind. Als gäbe es nur diese. Eine breite und sachliche Diskussion, bei der verschiedene Einschätzungen ernsthaft diskutiert werden, gibt es bisher kaum. Eher werden andersartige Meinungen diskreditiert oder sogar diskriminiert. Auch das macht mir einige Sorgen.

Wie beurteilen Sie hierzulande den Umgang der Politik und Behörden mit Corona?

Ich halte den Umgang mit dieser sogenannten Pandemie für unangemessen. Es gibt auch viele, die mit mir übereinstimmen. Da gibt es Kollegen, auch in der unmittelbaren Umgebung, Allgemeinmediziner, Internisten, auch einige Virologen und hohe Vertreter der Ärzteschaft. Insbesondere möchte ich mich auf Professor Streeck aus Bonn beziehen, einer der wenigen prominenten Virologen, die von Anfang an den Mut hatten, Zweifel am Umgang mit dem Virus zu äußern.

Welche der zentralen Maßnahmen halten Sie in der Bekämpfung des Virus’ für sinnvoll?

Ich bin sehr dafür, gebotene Schutzmaßnahmen durchzuführen und konsequent einzuhalten. Aber: Es ist immer wieder davon die Rede, dass wir die Ausbreitung des Virus unter Kontrolle bringen müssen. Einige Maßnahmen, wie zum Beispiel das Tragen von Schutzmasken oder Abstandsregeln, können durchaus wirkungsvoll sein. Wir müssen uns aber fragen, ob unser Ziel der Kontrolle damit überhaupt erreicht werden kann - und vor allem, ob der Preis, den wir dafür zahlen müssen, in einem angemessenen Verhältnis zur Bedrohung steht.

Dahinter steht die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen.

Ja. Wollen wir ab jetzt unser Leben dem Ziel unterwerfen, die Ausbreitung von Viren, welche für die allermeisten von uns kaum eine ernsthafte Bedrohung darstellen, unter Kontrolle zu bringen?

Was antworten Sie?

In meinen Augen ist das nur möglich, wenn wir dauerhaft unser Leben und unseren Umgang miteinander dramatisch verändern – wie es seit einigen Monaten der Fall ist. Das hat Folgen, die derzeit medial wenig beachtet werden. Die Folgen sind gewaltig: bedrohte persönliche und unternehmerische Existenzen, Zunahme der häuslichen Gewalt, Angst, Depression, Anstieg der Selbstmordraten, Bedrohung unserer Kultur, Bedrohung der Bildung, kaum noch Breitensport mit der Folge des Bewegungsmangels besonders bei Kindern und Jugendlichen, dramatische Zunahme des Hungers in der dritten Welt mit Hungertoten, deren Zahl leicht die Zahl der vermuteten Corona-Opfer übersteigen wird. Und vieles mehr. Die rein wirtschaftlichen Schäden gehen weltweit in die Billionen.

Dem gegenüber stehen bereits mehrere hunderttausend Menschen, die an oder mit Corona gestorben sind.

Nun, viele Millionen Menschen sind auch in den letzten Jahrzehnten an der Virusgrippe gestorben. Das hat bis vor wenigen Monaten kaum Beachtung gefunden. Jetzt ist gerade nicht so gefragt, für all die oben genannten Folgen der Maßnahmen, die diesen vermeintlichen Corona-Toten gegenüberstehen, konkrete Zahlen zu ermitteln. Die meisten interessieren sich lediglich für die tägliche Zahl der neu nachgewiesenen Infektionen und die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit dem Virus. Wie viele Menschen ausschließlich oder hauptsächlich an den Folgen der Viruserkrankung gestorben sind, wurde bisher nicht wissenschaftlich präzise ermittelt. Ich bezweifle jedenfalls, dass die Zahlen das angemessen wiedergeben. Aber - auch jedes Corona-Opfer stellt eine Tragödie dar. Das bestreitet ja wohl niemand.

Sind Sie zuversichtlich, dass dank eines Impfstoffs all die Entbehrungen bald nicht mehr nötig sind?

Die Berichterstattung über den bald verfügbaren Impfstoff entspricht genau dem, wie von den Medien bisher über Corona berichtet wurde: Es werden die kritischen Aspekte vollkommen ausgeklammert. Aber auch ich wäre froh, wenn der Impfstoff den Zweck erfüllen könnte, die Veränderungen unseres Lebens und all die dramatischen Folgen des Corona-Virus in Kürze beseitigen zu können. Der Impfstoff könnte sozusagen die Basis eines Exit-Szenarios liefern.

Sie sind aber noch skeptisch?

Ich war fast 20 Jahre lang in der Pharmaindustrie in der Arzneimittel-Entwicklung tätig. Daher weiß ich recht gut, mit welcher Umsicht bei der Entwicklung von Arzneimitteln und Impfstoffen bis hin zur Zulassung üblicherweise geprüft werden muss. Das dauert normalerweise viele Jahre, manchmal Jahrzehnte. Ich habe im Hinblick auf die Sicherheit eines Impfstoffes, welcher nach nur einem Jahr Entwicklungszeit zugelassen werden soll, erhebliche Bauchschmerzen. Weil dieser Impfstoff, dessen ausreichende Sicherheit nach meinem Bildungsstand gar nicht ausreichend belegt sein kann, in so kurzer Zeit sofort an Millionen von Menschen angewendet werden soll. Die Massenimpfung ist wegen der hastigen Entwicklung mit Risiken behaftet, die wir nicht absehen können. Im ungünstigen Fall übersteigen die Gefahren dieser Impfung die Gefahren des Corona-Virus bei Weitem. Wer übernimmt die Verantwortung für diese Risiken?

Was, wenn sich der Impfstoff als so sicher und wirksam erweist wie derzeit kommuniziert?

Auch dann halte ich die Vorstellung, dass wir in einer nahen Zukunft von allem erlöst werden und dann wieder alles „normal“ wird, für unrealistisch. Wir müssen jederzeit mit neuen Virusmutationen rechnen, die einen gerade entwickelten Impfstoff möglicherweise unwirksam werden lassen.

Also kein Ende in Sicht?

Die Frage ist auch, was mit anderen Viren ist, die von den emsigen Virologen immer wieder neu entdeckt und als Bedrohung beschworen werden. Da bin ich wieder bei Professor Streeck: Wir müssen lernen, mit Viren zu leben. Die Vorstellung, sämtliche krankheitserregenden Viren aus unserem Leben verbannen zu können, sie unter Kontrolle zu bringen, ist eine wenig realistische. Es sei denn, alle sind dazu bereit, dauerhaft ein Leben zu führen, wie es gerade jetzt wieder von uns verlangt wird. ( Das Gespräch führte Jens Dörr)

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