Zwieträchtige Harmonie

+
„Gemeinsam mehr erreichen“, haben sich die Bürgermeister Walter Blank (links) und Carsten Helfmann (rechts) zum Ziel gesetzt. Das Pilotprojekt „Gewerbemeile“ soll dabei ein Anfang sein.

Zoff und Zwietracht, Diplomatie und Harmonie - langweilig wurde es in den vergangenen zwölf Monaten in Eppertshausen und Münster nicht. Unter dem Strich blieb es jedoch weitgehend friedlich - und auch der Unterhaltungswert kam erfreulicherweise nicht zu kurz. Von Jörn Polzin

Erstmals in die Vollen ging es in der Diskussion um die neue Bürgerhalle. Zunächst hatten die Eppertshäuser Gemeindevertreter mehrheitlich für eine Sanierung der 45 Jahre alten Mehrzweckhalle tendiert. Auch Bürgermeister Carsten Helfmann räumte ein, von dieser Idee überzeugt gewesen zu sein. Nach genauer Kostenkalkulation merkte das Gros der Parlamentarier aber schnell, dass der Nutzen eines Neubaus, trotz vermehrter Kosten, perspektivisch höher liegen würde.

Jörn Polzin

Die Differenz zwischen einer Kernsanierung der in die Jahre gekommenen Mehrzweckhalle und einem Neubau liege bei etwa 700.000 Euro, rechneten die Wirtschaftsprüfer aus. „Eine Sanierung bedeutet viel mehr Aufwand, damit würden wir die Halle nie so hinbekommen wie einen Neubau“, so der Verwaltungschef. Und er hatte bis auf wenige Ausnahmen die Gemeindevertreter hinter sich. Damit wurde der Stein für das 4,5 Millionen teure, überfällige Projekt ins Rollen gebracht. Dies war aber erst die halbe Miete. Um die zeitlich begrenzten Zuschüsse des Landes nicht zu gefährden, musste umgehend die Standortfrage geklärt werden.

Ergebnis mit 11:10 Stimmen

Im Gegensatz zur Entscheidung pro oder contra Neubau spalteten sich hier die politischen Lager. Während die SPD-Parlamentarier dem Schulsportplatz als neuem Domizil den Vorzug gaben, legte sich die Koalition aus CDU und FDP auf den Festplatz fest. Das hauchdünne, aber nicht unerwartete Ergebnis: 11:10 Stimmen. Den Zuschlag erhielt die H-Lösung des Offenbacher Architektenbüros Pätzold & Kremer, die ebenfalls CDU und FDP favorisiert hatten. Ein Modell, dass die Sozialdemokraten als „unbrauchbar“ einstuften, wie so oft, aufgrund der Mehrheitsverhältnisse im Parlament, aber nicht verhindern konnten.

Vier Pflegeheime zählen zum Senio-Verband. Eines davon ist in Münster beheimatet.

Unabhängig von der Lösungsvariante haben die Gemeindevertreter mit ihrem Votum zu Gunsten eines Neubaus zweifelsohne die richtige Entscheidung getroffen. Eppertshausen tut gut daran, in ein zukunftsfähiges Projekt (auch etwas mehr) zu investieren, das im Lauf der Jahre Früchte tragen wird. Mit der alten Mehrzweckhalle war kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Der avisierte Baubeginn im Juli 2010 wird von den künftigen Nutzern der Halle sicher mit Spannung erwartet.

Spannungen erfuhr auch das Nachbarschaftsverhältnis der Gemeinden aus Münster und Eppertshausen im Spätherbst. Lieber heute als morgen, so verkündete die CDU-Fraktion in Eppertshausen, wolle man aus dem Pflegeverband Senio austreten.

Der Grund: Das Vertrauensverhältnis sei zerrüttet, falsche Versprechungen wurden gemacht. Grundsätzlich gebe es keine Basis mehr für eine funktionierende Zusammenarbeit. Eine Kurzschlussreaktion wiesen die Eppertshäuser Christdemokraten von sich, beriefen sich vielmehr auf das schon längere Zeit „gestörte Verhältnis“ zur Senio-Geschäftsführung, das die finanzielle Belastung der Verbandsmitglieder falsch eingeschätzt habe.

Für Eppertshäuser ist das Tischtuch zerschnitten

Walter Blank, Vorsitzender des Pflegeverbands und Münsterer Verwaltungschef, wertete das Vorpreschen aus der Nachbargemeinde als „unfair“ und „schädlich“. Wie seine Parteikollegen in Eppertshausen, verwies der SPD-Bürgermeister auf das Strategiepapier, das nach dem Anstieg auch einen Rückgang der Umlagen vorsehe. Für die CDU-Parlamentarier aus Eppertshausen ist das Tischtuch aber zerschnitten - endgültig. Nun liegt es in den Händen des Regierungspräsidiums, ein Machtwort zu sprechen und die Zuzahlungen der Gemeinde bei einem Austritt zu bestimmen. Helfmann rechnet mit einem sechsstelligen Betrag, der für die Ablöse fällig wird.

Winterlicher Ausblick: Die Gemeinde Eppertshausen erscheint um 11.15 Uhr Ortszeit, wie auf der Kirchturmuhr zu erkennen, im weißen Gewand.

Balsam auf die Seelen der erhitzten Gemüter dürfte da die erfolgreich abgewickelte Gewerbemeile sein, die Gemeindevertreter und Gewerbevereine in einer Gemeinschaftsproduktion ins Leben riefen. Hier zeigt sich, dass sich unter Nachbarn Wege trennen, aber auch wieder vereinen können. Das 60.000 Euro-Projekt im „Herzen der Region“ ist insofern bemerkenswert, da sich Eppertshausen und Münster Ende Mai 2010 die Verbindungsstraße zwischen beiden Gemeinden teilen werden.

Pauken in Containern

67 Firmen werden mit 100 Ständen den 1,6 Kilometer langen Abschnitt der Landesstraße 3095 bevölkern und sich dem Publikum präsentieren. Beide Seiten sprechen bislang von einem harmonischen Verlauf des Projektes, das den Beteiligten in logistischen Fragen sicher noch einiges abverlangen wird. Auch hier wird Zusammenhalt und vor allem Zusammenarbeit gefragt sein - und das kann für das nachbarschaftliche Verhältnis nur förderlich sein.

Auch die Schulllandschaft in der Region soll besser zueinander finden. Das ist zumindest das Ziel, dass der Schuldezernent und Kreisbeigeordnete Christel Fleischmann ausgegeben hat. Was folgte war ein „Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiel“ zwischen den Pausenhöfen. Eine derartige „Völkerwanderung“, wie unsere Zeitung treffend titelte, wird es in diesem kurzen Zeitfenster selten gegeben haben. Für die Schüler und Lehrer bleibt zu wünschen, dass sie in ihrem neuen (alten) zu Hause heimisch werden.

Für die Stefan-Gruber-Grundschüler stellte der Lehrplan zudem noch eine bis dato unbekannte Unterrichtsform bereit: Pauken in Containern. Und zwar bis die Renovierung abgeschlossen ist. Davon werden die Kleinen sicher noch ihren Urenkeln erzählen.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare