Zwischen Moral und Gehorsam

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Retter in Naziuniform: Zum Auftakt der Ausstellung über den Darmstädter Major Karl Plagge referierte Pfarrer Werner Stoklossa im Rathaus Eppertshausen.

Eppertshausen ‐ Heldentum entsteht nicht als spektakuläres Abenteuer in der Traumfabrik Hollywood. Oft tritt er in Extremsituationen zutage, in denen menschliche Werte wider dem eigenen Egoismus bewusstes Handeln bestimmen – für die große Masse bleiben derlei tapfere Taten oftmals im Verborgenen. Von Ursula Friedrich

Karl Plagge, Major der Deutschen Wehrmacht, wurde im Konflikt um Militärdisziplin, Nazi-Ideologie und Menschlichkeit zum Helden: „Er holte über 1.000 jüdische Arbeitskräfte aus dem Ghetto in Wilna (Litauen), sicherte ihr Leben mit Ausweisen für kriegswichtige Arbeiten ab“, schilderte Pfarrer Werner Stoklossa, Bildungsreferent des Dekanats Vorderer Odenwald – 250 Juden rettete der gebürtige Darmstädter das Leben.

Zum Auftakt der Ausstellung „Karl Plagge – ein Gerechter unter den Völkern“ im Rathaus-Foyer erzählte der Geistliche Stoklossa die nahezu unglaubliche Geschichte eines Majors, der inmitten der „Vernichtungshölle“ und dem Massenmord an 200.000 litauischen Juden zum Retter wurde. In Kooperation mit der Gemeinde Eppertshausen, dem evangelischen Pfarrer sowie dem ökumenischen Arbeitskreis wurde die Ausstellung ermöglicht, die während der Öffnungszeiten im Rathaus zu sehen ist.

Kleidung, Lebensmittel und Medikamente

Wer war Karl Plagge, dessen tapferes Handeln während des zweiten Weltkriegs zunächst jahrzehntelang verborgen blieb? An Tafeln und in Texten berichtet die Sonderausstellung vom Wirken des Darmstädters, der „sich nicht als Held feiern ließ, sondern schwieg bis zum Tod“, sagte Stoklossa. Plagge wurde am 10. Juli 1897 geboren, diente als Soldat im ersten Weltkrieg, studierte an der Technischen Hochschule Darmstadt und trat 1932 der NSDAP bei. Ein Gesundheitsschaden bewahrte ihn vor dem Fronteinsatz. Stattdessen wurde er in eine Reparaturwerkstatt für Militärfahrzeuge in die litauische Hauptstadt Wilna beordert, dort lebten 1941 rund 70.000 Juden. In einem Brief an seine Geliebte Anke vom 21. Juni 1944 schildert er seinen inneren Zwiespalt: „Als Nationalsozialist muss ich ‚Ja‘ sagen zu den Massenschlächtereien, zu der Polenpolitik, die in diesem Volk eine minderwertige Klasse sieht. Als Mensch sehe ich ein, dass das Irrsinn ist und dass alles zu einem Trümmerhaufen werden muss.“ Und Karl Plagge handelte: Unter dem Deckmantel der Uniform rettete er hunderte Menschenleben.

Als Leiter des Heereskraftfahrparks Ost 562 (HKP) beschäftigte er rund 1.000 Juden als Arbeitskräfte und sorgte dafür, dass seine Mannschaft mit Kleidung, Lebensmitteln und Medikamenten menschenwürdig versorgt wurden. Als im Wilnaer Ghetto 1943 die Liquidierung der Juden drohte, fuhr er „nachts mit Lastkraftwagen an das Ghettotor und es gelang mir, eine größere Anzahl von Juden aus dem Ghetto herauszuholen.“

Doch Plagges Handlungen waren nicht spontan, stattdessen versuchte er mit kühlem Kopf über Jahre das Schicksal der Juden zu verhindern – nicht immer erfolgreich. Als die HKP 1944 nach Ostpreußen verlagert werden sollte, warnte der Major seine jüdischen Arbeiter und deren Familien vor der SS, die das Lager in Wilna evakuieren würde – hunderte wurden erschossen, doch 250 überlebten.

Taten gelangten 1999 durch Zufall ans Tageslicht

Dennoch empfand sich Karl Plagge nicht als Held. Er war ein Mensch, der in Naziuniform steckte und aus tiefster Seele an der Ohnmacht litt, Mord und Unmenschlichkeit nicht stoppen zu können. In seinem Entnazifizierungsprozess 1948 appellierte er dafür, als „Mitläufer eingestuft zu werden“. Plagge sollte frei gesprochen werden, doch er war der Ansicht, er habe zu wenig getan. „Zum Beispiel die Ermordung von 400 jüdischen Kindern zu verhindern, als er auf Heimaturlaub war“, referierte Werner Stoklossa. Mit dem Tod Plagges 1957 verlor sich seine Spur.

Erst 1999 gelangten die Taten des Darmstädters durch Zufall ans Tageslicht: Eine von Plagge gerettete Jüdin, Pearl Good, erinnerte sich an zwei Worte „Major Plagge“. Der Sohn der Kalifornierin, Michael Good, sandte eine E-Mail um die Welt, um den mysteriösen Retter aufzuspüren: „Nach einem Jahr kam man Plagge auf die Spur“, berichtete Hannelore Skroblies von der Darmstädter Geschichtswerkstatt. Die Recherchen von Good und Marianne Viefhaus von der TU Darmstadt öffneten schließlich das Tor zur Geschichte: Aus Militärarchiven, den Akten der Spruchkammer des Entnazifizierungsverfahrens, Zeugenaussagen und Briefen aus Plagges Nachlass setzte sich das Puzzle um den Retter zusammen. Michael Good rekonstruierte die Ereignisse in seinem Buch „Die Suche. Karl Plagge, der Wehrmachtoffizier, der Juden rettete.“ 2004 wurde Plagges Name auf eine Ehrentafel an der Gedenkstätte Yad-Vashem in Wilna als „Gerechter unter den Völkern“ eingraviert.

Quelle: op-online.de

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