Erinnerung durch Kraft der Worte

Die Erinnerung an Albert Camus muss niemand wachhalten; der französische Philosoph und Schriftsteller ist höchst lebendig.

Sein Tod am 4. Januar 1960 nahe dem Ort Villeblevin ist dennoch Dreh- und Angelpunkt in „Wie wir verschwinden“, dem neuen Buch des 1965 in Tegernsee geborenen Mirko Bonné. In der Frankfurter Romanfabrik hat er es unter den wohlgefälligen Augen seines Verlegers Klaus Schöffling vorgestellt.

Dass Bonné in Poesie und Prosa gleichermaßen versiert ist, kommt dem Text zugute. Er besticht durch Bildhaftigkeit und hohe Suggestivität. Der Leser/Zuhörer sieht den Autounfall, dem Camus zum Opfer fällt, förmlich heraufziehen. Kunstvoll hat ihn der Verfasser auf mehrere Stränge verteilt, eingebettet in die Geschichte seines Ich-Erzählers Raymond – damals ein Junge aus Villeblevin, der im Alter einen Brief von seinem Jugend„freund“ Maurice erhält und daraufhin den Blick fast 50 Jahre zurück richtet.

Die Freude des Hausherrn (und Romanisten) Michael Hohmann über den „deutsch-französischen Roman“ ist so groß wie verständlich. Mit Recht weist Bonné indes darauf hin, dass es sich nicht um eine „Suche nach der verlorenen Zeit“ à la Proust handelt. Seine Beschwörung der Vergangenheit kommt ohne den Geschmack von Teegebäck aus, sie geschieht durch die Kraft der Worte. Bis zum tödlichen Zusammenstoß hat es der Vorleser nach anderthalb Stunden nicht geschafft. Neugierig hat er gemacht! MARKUS TERHARN

Quelle: op-online.de

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