Erneuerer der Architektur

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Seitenansicht des Wiener Secessionsgebäudes, das 1897/98 nach einem Olbrich-Entwurf erbaut wurde.

„Der Zeit ihre Kunst/Der Kunst ihre Freiheit“ forderten die Wiener Secessionisten auf dem Portal ihres Ausstellungshauses am Naschmarkt. Entworfen hatte die moderne Gralsburg der Kunst 1897 der junge Architekt und Gestalter Joseph Maria Olbrich (1867-1908). Von Reinhold Gries

Als der gleichgesinnte Großherzog Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt das sah, und dazu frische Skizzen des im schlesischen Troppau geborenen Universaltalents, holte er Olbrich 1898 nach Darmstadt und machte ihn zum Kopf seiner Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe.

Joseph Maria Olbrich

Welche Ausnahmeerscheinung der zwischen Wien, Darmstadt und Düsseldorf pendelnde Pionier war, davon gibt eine Retrospektive der Mathildenhöhe umfassende Vorstellung. Olbrich scheint, gut 100 Jahre nach seinem Tod mit 40 Jahren, in die noch von ihm geplanten Ausstellungshallen von 1908 zurückzukehren, begleitet von vielen Zeugnissen: Skizzen, Fotos und Modelle aus der Wiener Zeit, herrliche Aquarelle der Italien- und Tunisreise, preisgekrönte Möbel und Kunsthandwerk für die Weltausstellungen in Paris (1900) und St. Louis (1904) sowie Designerschauen in Turin, Dresden und Köln. Originalobjekte rekonstruieren von ihm geleitete Hessische Landesausstellungen in Darmstadt (1901-08).

Mitten in diesen weltweit ersten Bauausstellungen wohnte und arbeitete der Meister im eigenen Haus, vom Keller bis zum Dach, von Sitzkissen und Vorhängen bis zu Leuchtern und Möbeln selbst durchgeplant. Kuratorin Regina Stephan und Mathildenhöhe-Leiter Ralf Beil hoffen, mit neu gefundenen Exponaten zum Olbrich-Haus etwas bewegen zu können: Nach dem Krieg nur bis zum ersten Stock original wiederaufgebaut, soll es in altem Glanz wiedererstehen.

Wie Olbrichs prachtvoll rekonstruiertes Ernst-Ludwig-Haus, das Künstlerhaus mit dem Omegabogen, das zum Jugendstilmuseum geworden ist. Oder wie das repräsentative Haus Glückert, in dem die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung logiert.

Bauten, die wie Olbrichs Dreihäusergruppe mit dem Blauen Haus „draußen“ nur fragmentarisch erhalten sind oder gar nicht mehr, sind in der Ausstellung multimedial auferstanden, mitsamt original erhaltener Briefkästen und metallener Einfriedungen. Abbildungen zeigen das Haus Habich als eines der ersten Flachdachhäuser in Europa. Ein mystisch ausgeleuchteter „Blaupausenraum“ mit schönem Blumenhaus-Modell macht Olbrichs Synthese aus klarer Bauform und dezentem Ornament erlebbar.

Modelle zu Landesausstellungen leiten zum Stadtplaner, der in Wien neue Stadtteile entwarf. Olbrichs Entwürfe zu Hauptbahnhof und Hallenschwimmbad wurden in Darmstadt nicht realisiert. Manchem Kollegen der Künstlerkolonie gefiel nicht, wie gut sich Olbrich mit Ernst Ludwig verstand. Von dieser Freundschaft kündet Kostbares: das Musikzimmer des untergegangen Neuen Palais, Mustermöbel für Weltausstellungen – und ein Zimmer des Wolfsgartener Spielhauses für die kleine Prinzess Elisabeth. Der Mitbegründer des Deutschen Werkbunds plante und realisierte auch Arbeiterhäuser, die „weniger als 5 000 Mark kosten sollten“, kümmerte sich um kleinste Dinge. Mit Unternehmer Stade entwickelte er konzeptionelles Corporate Design, von Türen und Leuchtern über Mundtücher und Uhren bis hin zur Frisierkommode, schon 1906 wie Art Deco wirkend.

Joseph Maria Olbrich – Architekt und Gestalter der frühen Moderne“ vom 7. Februar bis 24. Mai auf der Mathildenhöhe. Geöffnet: Dienstag bis Sonntag 10 bis 18, Donnerstag bis 21 Uhr

Olbrichs Düsseldorfer Warenhaus Tietz und Entwürfe zum hohen Hochzeitsturm von nebenan künden von klassischer Moderne und Expressionismus. Selbst Gefängnisse wollte der Lebensreformer humaner gestalten, Schirmgriffe praktischer, Autos schöner. Die Darmstädter Spiele hat er 1901 befördert, baute ein experimentelles Theaterhaus und sogar Kostüme. Dazu gestaltete er neue Gärten, getrieben von der Idee des Gesamtkunstwerks.

Quelle: op-online.de

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