Erschrocken über sich selbst

Frankfurt - Jürgen Bartsch hat zwischen 1962 bis 1966 vier Jungs missbraucht und ermordet. 1966 wurde er festgenommen. Die Sensationspresse stilisierte ihn, zum Zeitpunkt der ersten Tat 15 Jahre alt, zum zweitschlimmsten Verbrecher des 20. Jahrhunderts – nach Hitler, vor Stalin. Von Stefan Michalzik

Bartsch starb 1976 an den Folgen eines ärztlichen „Fehlers“: Bei der von ihm beantragten Kastration wurde das Narkosemittel zehnfach überdosiert. Oliver Reese, Intendant des Schauspiels Frankfurt, hat 1992 für das Ulmer Theater aus mehr als 400 Briefen, die Bartsch aus dem Gefängnis an den US- Berichterstatter Paul Moor gerichtet hat, den Monolog „Bartsch, Kindermörder“ zusammengestellt. Über seine vorherige Wirkungsstätte am Deutschen Theater in Berlin ist das Stück an die Frankfurter Kammerspiele gewandert, mit Uraufführungsschauspieler Thomas Schmidt.

Zunächst ist es eine prototypisch verkorkste Kindheit, in die der Text Einsicht gibt. Die Mutter gab Jürgen zur Adoption frei. In der Metzgerfamilie, die ihn adoptiert hat, wurde er von der Mutter geprügelt und mit dem Fleischermesser beworfen – und im nächsten Moment zudringlich geherzt. Der Vater, der in der Familie den Ton des Feldwebels beibehielt, demütigte ihn vor Dritten durch Abkanzelung als Versager. Im ob seiner prügelnden Lehrer berüchtigten Internat, in das seine Eltern ihn zeitweilig als „Zappelphilipp“ abschoben, wurde er eigenem Bekunden nach von einem Pater missbraucht. Nach dem Willen des Vaters fing er eine Metzgerlehre an, obwohl er sich von Blut abgestoßen fühlte und „lieber ein Junge geblieben wäre“.

Es ist ein unauffälliger Mann in mittleren Jahren, salopp gepflegt, im grauen Anzugs mit Pulli in gleicher Farbe, der zur Seitentür des Zuschauerraums hereinschneit und dem Publikum seine Geschichte erzählt. Auf der kaum mehr als einen Meter tiefen, an Wand wie Boden braun gesprenkelten Bühne von Hansjörg Hartung gibt dieser Mann geordnet und klarsichtig einen Abriss seiner Vita, von den frühen, prägenden Erlebnissen bis zu den Morden. Bisweilen hält er nachdenklich inne; angesichts seiner Taten bekundet er Erschrecken, Abscheu vor sich selbst.

Eine weitere Vorstellung ist am 29. Mai zu sehen.

Der Bericht über die Taten ist von dezenter Sachlichkeit. Spektakuläre Momente meidet Reese wohlweislich, sie würden die Sicht verstellen. Schmidt nimmt eine forschende Haltung gegenüber der Figur ein. Mitunter berührt er einzelne Zuschauer. Doch so nahe er uns zu kommen scheint, er bleibt doch fern. Ein Monster ist es nicht, das uns da entgegen tritt. Auch der wirkliche Jürgen Bartsch wird mit Schlagworten dieses Kalibers nicht zu fassen sein. Solche Taten werden letztlich unbegreiflich bleiben.

Quelle: op-online.de

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