Ersehnte Kuriere

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Mitarbeiter des Städel hängen das berühmte Kirchner-Werk „Varieté (Englisches Tanzpaar)“ auf.

Frankfurt ‐ Der Einfluss des Unaussprechlichen reicht weit, sogar bis ins Frankfurter Städel Museum hinein. Von Christian Riethmüller

Zwischen Containern, Kisten, und Kartons ist Eyjafjallajökull immer wieder Thema, selbst wenn ein isländischer Vulkan im allgemeinen nichts mit dem Aufbau einer Kunstausstellung zu tun hat. In diesem besonderen Fall spielt der Ausbruch des Vulkans und die damit verbundenen Auswirkungen auf den internationalen Flugverkehr aber sogar eine bedeutende Rolle für das Städel und seine Mitarbeiter, die derzeit die letzten Vorbereitungen für die große Retrospektive auf das Werk des bedeutenden Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner treffen. Das seit vergangenen Freitag über weite Teile Europas verhängte Flugverbot hat nämlich zur Folge, dass einige wichtige Leihgaben für die rund 180 Werke umfassende Ausstellung, etwa aus den USA, noch nicht in Frankfurt eingetroffen sind. Drei Bilder aus dem Art Museum in St. Louis sind bei einem Zwischenstopp in Chicago gestrandet und warten nun samt der sie begleitenden Kuriere auf die nächste Möglichkeit zum Weiterflug.

Nicht ein Motiv in Königstein, sondern wahrscheinlich in Halle an der Saale zeigt dieses Gemälde, das Kurator Felix Krämer aus Privatbesitz leihen konnte.

„Bis zur Eröffnung am Donnerstag ist ja noch Zeit“, beruhigt Nicole Brandmüller sich und ihre Kollegen. Die promovierte Kunsthistorikerin, Assistentin von Ausstellungskurator Felix Krämer, mag nicht daran denken, die Schau notfalls mit einigen Lücken beginnen zu müssen. Wenigstens sind die Leihgaben aus der Schweiz, etwa vom Kirchner-Museum in Davos oder der den Kirchner-Nachlass verwaltenden Galerie Henze & Ketterer in Wichtrach/Bern schon ans Frankfurter Museumsufer geliefert worden. Dafür ist der Kurier, der den Transport der Gemälde überwachte, in Unruhe. Sein Rückflug in die Schweiz ist gestrichen, ein Bahnticket auf die Schnelle nicht aufzutreiben und das Hotelzimmer noch nicht verlängert.

Hängung der Bilder in einem langen Prozess entschieden

Doch weder der Ausbruch des Eyjafjallajökull, noch die verspätete Anlieferung einiger Gemälde, noch die latente Verzweiflung des Schweizer Kuriers bringen den Masterplan durcheinander, nach dessen Koordinaten im Städel die nächste publikumsträchtige Schau nach der Botticelli-Ausstellung vorbereitet wird. Das betriebsame Gewusel zwischen Spezialcontainern, Tischen, Leitern und Kartons voller Lampen hat nichts mit Hektik zu tun, sondern befördert mit wenigen Handgriffen ein Kunstwerk von beträchtlichem bis unschätzbarem Wert aus einer sogenannten Klimakiste, in der die Gemälde sich an die im Museum herrschenden Temperaturen anpassen können, an die Wand.

Eine Farbkopie zeigt, welches Gemälde an dieser Wand angebracht werden soll. Die Kunstwerke werden in speziellen Klimakisten ins Museum geliefert.

Die Hängung der Bilder ist in einem langen Prozess entschieden worden. Wie Nicole Brandmüller verrät, wird kaum ein Kirchner-Gemälde in der Frankfurter Ausstellung am ursprünglich angedachten Ort aufgehängt sein, auch wenn am chronologischen Aufbau der Schau, die alle Schaffensphasen des am 6. Mai 1880 in Aschaffenburg geborenen Malers, Grafikers und Bildhauers Ernst Ludwig Kirchner umfasst, nicht geändert wurde.
Auf die Idee zur ersten Kirchner-Retrospektive seit 30 Jahren ist Kurator Felix Krämer angesichts der Städel-eigenen Sammlung des Künstlers gekommen. Als Krämer vor etwa zwei Jahren seine Position in Frankfurt antrat, sah er im Depot die vielen Ordner, die den Bestand an Kirchner-Werken in der Sammlung des Städel beschreiben, von denen einige zu den wichtigsten Arbeiten des Künstlers gehören.

Alle Kunstwerke werden auf etwaige Transportschäden überprüft

Der Strahlkraft dieser Sammlung ist es wohl zu verdanken, dass Krämer keine großen Schwierigkeiten hatte, hochkarätige Leihgaben zu erhalten, als er entsprechende Bitten an Museen und Privatsammler richtete. So ist etwa erstmals seit Kirchners Tod am 15. Juni 1938 das berühmte Triptychon „Die Badenden“ wieder zusammengeführt zu sehen. Erstmals öffentlich ist zudem eine Straßenszene aus dem Jahr 1918 zu sehen, die irrtümlicherweise immer mit dem Taunus ort Königstein in Verbindung gebracht und deshalb falsch bezeichnet war, wahrscheinlich aber ein Motiv in Halle an der Saale zeigt.

Ob in Museums- oder in Privatbesitz - alle Kunstwerke werden bei Anlieferung von Städel-Restaurator Stephan Knobloch und dem jeweiligen Kurier auf etwaige Transportschäden überprüft und ein Übergabeprotokoll gezeichnet. Einen persönlichen Begleiter beim Versand von Kunstwerken mit auf die Reise zu schicken, ist nicht ungewöhnlich. Der hat unter anderem auf den fachgerechten Transport der Kisten zu achten, die etwa im Flieger in Flugrichtung zu stehen haben, weil sonst die Erschütterung zu stark wäre und die Gemälde beschädigen könnte, die doch von 23. April bis 25. Juli Besuchermassen ins Städel locken sollen.

Quelle: op-online.de

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