Erst beim Sterben ist Schluss mit lustig

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Halb zog sie ihn, halb sank er hin: Romeo (Mathis Reinhardt) und Julia (Sandra Gerling) lieben sich.

Frankfurt - Lassen sich der am häufigsten aufgeführten, vertonten, aktualisierten Liebestragödie der Weltliteratur neue Seiten abgewinnen? Ja, wenn man’s anfängt wie Bettina Bruinier an Frankfurts Schauspiel und beispielsweise die Komödie in William Shakespeares „Romeo und Julia“ hervorkehrt. Von Markus Terharn

Der durchschlagende Premierenerfolg dieser pausenlosen 135 Minuten gibt ihr Recht. Dabei nimmt die Hausregisseurin den poetischenGehalt des Textes durchaus ernst. Die zeitgemäße Übersetzung von Thomas Brasch prägt indes den Stil der Inszenierung. Dafür hat Volker Thiele eine Bretterwand mit zwei Türen an die Rampe der Kammerspiele genagelt, die ihre Möglichkeiten erst offenbart, als sie krachend umgefallen ist. Vor ihr hängt die Veroneser Montague-Gang um Romeo, Mercutio und Benvolio in Mareile Kretteks heutigen Kostümen ab, jederzeit streitbereit, von Tybalt aus der Capulet-Clique prollig provoziert.

Der Knall beim Ball: Eindringling Romeo und Gastgebertochter Julia verschießen sich ineinander, dass es nur so raucht. Das Machogehabe der verfeindeten Jünglinge bekommt Züge von Aggressivität. Die Geschichte nimmt ihren bekannten Verlauf ...

Was daran zum Lachen ist? Erstens ist die Sprache eine gegenwärtige – angereichert um kunstvolle Wortspiele in schönster Tradition der Neuen Frankfurter Schule. Zum Thema Vögel(n) heißt es da etwa: „Hast du ’n Kondor benutzt?“ Die Kalauer-Antwort: „Habicht!“ Zweitens ist das Ganze musikalisch aufgepeppt mit Oliver Urbanskis Discogewummer sowie Pop-Einsprengseln von Tom Waits über „Ein bisschen Frieden“ bis hin zu „Satellite“. Drittens sorgt die virtuose Kampfchoreografie von Peter Theiss für beträchtliche Schauwerte.

Wenn es ans Sterben geht, ist jedoch Schluss mit lustig; da schafft sich die Tragik blutige Bahn. Das ist ein Bruch, den auch Bruiniers Deutung nicht überdecken kann.

Weitere Vorstellungen am 9., 10., 11., 12., 17., 18., 19., 21., 22., 30. Juni, 1., 2. Juli.

Alles andere wirkt dank der geschlossen tollen Darsteller plausibel. In den Titelrollen leben Mathis Reinhardt und noch stärker Sandra Gerling mit lenameyerlandruthaftem Liebreiz die volle Wucht der Gefühle aus, den Rausch wie den Schmerz. Marc Oliver Schulze ist ein lässig-attraktiver Mercutio, auch als Gitarrespieler zu gebrauchen. Torben Kessler als Benvolio vervollständigt treffend das Trio, dem in Viktor Tremmel ein testosterongesteuerter Tybalt gegenübersteht. Till Weinheimer und Heidi Ecks sind Julias Plattheiten absondernde Eltern, Christian Bo Salle ist ihr langweiliger Verehrer und der schlichtende Prinz, Esther Hausmann ihre nicht sehr helle Amme, Felix von Manteuffel der unfreiwillig Unheil stiftende Bruder Lorenzo. Diese Besetzung aus einem Guss liefert eine Ensembleleistung ab, wie sie unter Oliver Reeses Intendanz fast schon Standard ist.

Quelle: op-online.de

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