Eugène Labiches „Eine verhängnisvolle Nacht“

Filmriss mit fatalen Folgen

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Auf Augenhöhe: Peter Niemeyer als Mistingue und Walter Renneisen als Leglumé sind die Stützen der Komödie.

Frankfurt - Nach einer feucht-fröhlichen Nacht machen einem nicht nur Kater und Kopfschmerzen zu schaffen, sondern möglicherweise auch die Tatsache, dass man sich an nichts mehr erinnert. Von Maren Cornils 

Welche bösen Folgen ein solcher „Filmriss“ haben kann, zeigte unlängst der erfolgreiche Kino-Film „Hangover“. Auf der Bühne ist der „Filmriss“ ebenfalls ein beliebtes Thema. So spann der französische Autor Eugène Labiche aus dem Stoff um zwei Zecher mit Erinnerungslücken bereits Mitte des 19. Jahrhunderts seine Komödie „Eine verhängnisvolle Nacht - die Affäre Rue de Lourcine“.

Doch mag Labiches vergangene Woche im Frankfurter Rémond-Theater angelaufenes Stück auch den Titel „Komödie“ tragen, so handelt es sich dabei nur vordergründig um ein Lustspiel. Wer genau hinschaut, entdeckt, dass Labiche nüchtern das Bild einer privilegierten Klasse zeichnet, die über dem Gesetz steht, sich rücksichtslos ihre Freiheiten erkauft und die - im wahrsten Sinne des Wortes - über Leichen geht. Nach durchzechter Nacht wacht der wohlhabende Leglumé (Walter Renneisen) mit einem üblen Kater und einem ihm unbekannten Bettgenossen (Peter Niemeyer als Mistingue) auf. Schnell stellt sich heraus, dass beide Herren zwar dieselbe Feier besuchten, sich aber ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr an den Verlauf des Abends erinnern können.

An sich kein Problem, würden Leglumé und Mistingue nicht nach und nach Dinge aus ihren Hosentaschen befördern, die in der druckfrischen Tagespostille mit dem Mord an einem Kohlemädchen in Verbindung gebracht werden: einen Schuh, Obstkerne, ein Damenhäubchen und einen Zopf. Kaum dämmert es den beiden Zechern, beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, denn es gilt, Beweisstücke zu vernichten. Dumm nur, dass mittlerweile Leglumés bessere Hälfte Norine (Iris Atzwanger), Schwager Potard (Wolff von Lindenau) und sein neugieriger Bediensteter Justin (Stefan Schneider) Wind von der Sache bekommen haben. Jeder Mitwisser bedeutet Gefahr. Erst spät erkennen Leglumé und Mistingue, dass auch der jeweils andere ein Risiko darstellt.

Walter Renneisen ist als versoffener Privatier eine wahre Freude. Wenn sein Leglumé mit aus der Hose hängendem Hemd und zerzaustem Schopf völlig derangiert aus dem Alkoven stolpert, um sich zwecks Beseitigung seines Nachbrands zunächst den Inhalt einer Blumenvase einzuverleiben, um dann auf den munter schnarchenden Mistingue zu stoßen, zählt das zu den Highlights eines zwar sehr gemächlichen, deshalb aber nie langweiligen Stückes. Peter Niemeyer, dem die Rolle von Renneisens Gegenüber zukommt, meistert die Herausforderung, neben dem beliebten Schauspieler zu bestehen, mit Bravour. Beiden gelingt es, die Spannung in dem Lustspiel trotz fehlender Handlung über weite Strecken hoch zu halten, allerdings zu Lasten ihrer drei Mitspieler. Iris Atzwanger, Stefan Schneider und Wolff von Lindenau sind in der Inszenierung von Peter Lotschak kaum mehr als Statisten.

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An Fahrt nimmt die „Verhängnisvolle Nacht“ nur auf, wenn Mistingue und Leglumé aufs Ganze gehen. Zwar herrscht am Ende, wie könnte es in einer Komödie anders sein, eitel Sonnenschein, zu den Verlierern zählt jedoch einmal mehr die Moral, nach der in Paris wohl kein Hahn mehr kräht. Ein hintersinniges Kammerstück und eine mit viel Witz getarnte Gesellschaftskritik. Diese Komödie sollte man nicht vorschnell als altbackene Posse abtun. Noch bis 26. Januar im Fritz Rémond Theater im Zoo. Karten gibt es unter 069/435166 sowie per Email.

Quelle: op-online.de

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