Existenzielle Dinge aus professioneller Distanz

Halt suchend: Wilhelm Eilers, Friederike Kammer, Oliver Kraushaar. Foto: A. Englert

Der US-amerikanische Filmemacher John Cassavetes war ein Besessener. Er kämpfte gegen alles Glatte, Perfekte, Professionelle. Stets ging es ihm ums Ganze, ums Wahrhaftige. In seinem letzten großen Film „Opening Night“ (1977) spricht er selbst durch seine Figur Myrtle, indem er sie sagen lässt, dass sie das Stück am liebsten auf den Kopf stellen wolle, um zu schauen, ob etwas Menschliches drinsteckt.

Es geht um eine in die Jahre gekommene Schauspielerin, die ein neues Stück probt. Dabei vermischen sich nicht nur die verschiedenen Rollentexte, sondern auch Leben und Bühne, Mensch und Rolle. Myrtle leugnet standhaft einen persönlichen Bezug zu den Problemen ihrer Figur. Ein Film nicht nur über das Älterwerden und Veränderungen, sondern auch über das Theater und Schauspieler. Ein Film, der hinter die Kulissen und auf die Menschen blickt, die Schauspieler jenseits ihrer Rollen sind, die sich ausliefern müssen, um zu berühren. Ein Film also, der prädestiniert ist, auf dem Theater gespielt zu werden.

Der frühere Hausregisseur am Schauspiel Frankfurt und jetzige Intendant des Berliner Maxim-Gorki-Theaters Armin Petras hat „Opening Night“ im Kleinen Haus des Schauspiel Frankfurt inszeniert. Dabei hat er dem Film die 70er Jahre ausgetrieben (auch wenn Friederike Kammer mit der blonden Perücke an Myrtle-Darstellerin Gena Rowland erinnert), sprachlich ins Heute geholt und mit kleinen Gags versetzt, die sich vermutlich aus den Theatererfahrungen aller Beteiligten speisen. Die Bühne bedecken zwei rote Vorhänge, die von der Decke herabhängen, die Schauspieler spielen auf und zwischen den Stoffen und deren Falten (Bühnenbild: Olaf Altmann). Das hat durchaus einen Reiz: Das Thema Bühne ist stets präsent, und in diesem Einheitsraum weiß das Publikum nicht immer, ob es gerade einer Probe oder dem richtigen Leben der Figuren zusieht.

Insgesamt aber vermag die Inszenierung nicht zu überzeugen. Dass Petras Myrtle aus irgendwelchen Gründen in Frida umgetauft hat, ist eigentlich nicht der Rede wert. Dass er ordentlich streichen und kürzen muss, geschenkt. Dass die Geschichte um die tödlich verunglückte Nancy, in die sich Frida/Myrtle fantasiert, merkwürdig unscharf bleibt, auch geschenkt. Dass allerdings ausgerechnet bei dieser Inszenierung alle auf Nummer sicher gegangen sind, ist mehr als bedauerlich.

Das gilt für Friederike Kammer, die mal mit großen Augen Rat und Hilfe suchend auf die Männer starrt, sich gleich einem in die Arme stürzt. Ebenso für Wilhelm Eilers, der seinem Regisseur Martin eine reichlich abgeklärt-distanzierte Note gibt. Am ehesten riskiert Sabine Waibel etwas, die im doppelten Wortsinn kurz die Hüllen fallen lässt, wenn ihre Figur verzweifelt um etwas Liebe wimmert. Ansonsten aber liefern alle „Opening Night“ routiniert und – zugegeben – kurzweilig ab: Hier ein bisschen gefühlig, dort ein bisschen ironisch gebrochen, und alles natürlich noch gut durchmischt mit etwas Popmusik. Alles wohl kalkuliert. Doch die existenzielle Note fehlt.

Offenbar haben sich alle bei ihrem ureigenen Thema in einer professionellen Distanz eingerichtet. Selbst Dokumentarfilmsequenzen über Altern und Sterben sorgen nicht für Tiefe, sondern wirken fast wie ein ironischer Kommentar. Hat sich wohl keiner getraut, Film und Text auf den Kopf zu stellen, um zu sehen, ob etwas Menschliches drinsteckt. ASTRID BIESEMEIER

Weitere Aufführungen am 26. und 28. März

Quelle: op-online.de

Kommentare