Expressionistisch und aktionsreich

+
Die doppelte Salomé (Valery Tscheplanowa, hier mit Wolfgang Michael).

Frankfurt - Günter Krämer ist auch als Opernregisseur bekannt, Oscar Wildes einzige erfolgreiche, 1891 geschriebene und ob einer von der Skandalträchtigkeit auf den Plan gerufenen Zensur erst fünf Jahre später in Paris uraufgeführte Tragödie ,,Salomé“ jedoch hat er am Frankfurter Schauspiel inszeniert – und nicht in der Opernfassung von Richard Strauss. Von Stefan Michalzik

Mit Spuren einer Musikalisierung allerdings, und mit einem opernbühnenhaften Gestus.

Namentlich zu Beginn des Abends spielt der Chor eine prominente Rolle. Zunächst sind die handelnden Akteure nur schemenhaft zu erkennen, hinter einem Gazetuch, gleichsam durch Henri Rousseaus Urwaldbild ,,Der Traum“ hindurch, einer hochgradig stilisierten Szene um eine auf einem Sofa liegende Nackte, die sich in die Welt ihres Traums versetzt sieht. Dahinter tummelt sich eine choreografierte Jungmännerhorde in schuluniformartigen Anzügen mit kurzen Hosen – Kostüme: Falk Bauer - auf den kaskadengleichen rot-schwarzen Monumentalstufen von Krämers ständigen Bühnenbildner Jürgen Bäckmann. Der Chor skandiert die Worte in der Rhythmisierung von Richard Strauss’ Musik, immer wieder werden einzelne Sequenzen wiederholt.

Projektionen überall

Die Salomé, wegen einer als grausam empfundenen erotischen Demütigung grausam gewordene Prinzessin, ist gedoppelt: Valery Tscheplanowa, weiß gekleidet, androgyn und kahlköpfig, makellos geschminkt, kommt in der Künstlichkeit ihrer Erscheinung und ihres Gebarens jenem Puppenzwilling nahe, den sie ein ums andere mal führend aufnimmt. Der sie verschmähende Prophet Jochanaan (Atheer Adel) indes taucht unter orientalischen Gesängen aus einem Gulliloch auf, bis zur Brust nur, schwarzbärtig und kapuzenbedeckt; er belfert seine Worte in einer arabisch klingenden Sprache hervor, die für unsere Ohren allemal eine Lautsprache ist. Projektionen überall – den Kerngehalt von Wildes Drama um die märchenhaft-exotische Figur stellt Günter Krämer mit einer schwerlich steigerbaren Plastizität aus. Expressionistisch und aktionsreich ist dieser Abend – und hochgradig stilisiert.

Der Auftritt des Königspaars, in trauter Zwietracht an einem Tisch auf dem schmalen Raum vor der die Bühne erfüllenden Treppe, ist eine groteske Pretiose. Derweil der altlöwengesichtige Wolfgang Michael als Herodes im Frack in einem blasierten hohen antiquierten Kunstton salbadert, stößt seine Frau Herodias (Franziska Junge) - in Nerz und Geschmeide gewandet - ihre Obsessionen kreischend hervor. Die Frage um einen Tötungsbefehl - „Ich habe ihn nicht gegeben. Du vielleicht?“ wird bei diesem famos akzentuierten Komödiantenpaar zum Gegenstand einer alltäglichen Selbstverständlichkeit.

Herodes lässt die Puppe tanzen

Den Tanz, mit dem Salomé den Herodes unter der Forderung nach dem Kopf des wegen seiner Keuschheit erotisch nicht erreichbaren Jochanaan betören will, tanzt nicht Valery Tscheplanowa; Herodes bekommt vielmehr die Puppe auf seine Lagerstatt gelegt, derweil vorn seine intrigante Keifzange, Salomés derb-vulgäre Mutter Herodias, selbstvergessen ihren Körper schwenkt.

Der Trieb, das Unbewusste, die unauflösbare Spannung zwischen dem Eigentlichen der Natur und dem Uneigentlichen der Kultur ist hier nicht Objekt einer psychologisierenden Studie, sondern wird zur Mythenerzählung. Dieser Abend des kühlen Blicks ist von einer mächtigen theatralischen Strahlkraft. Eineinhalb Stunden dauert er bloß, es kommt einem aber die Zeit länger vor. Das ist für dieses mal ein gutes Zeichen.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare