Fährte zu Verlegerwitwe

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Die 304 Seiten starke Geschichte über eine angeblich wienerische Verlegerswitwe mit esoterischem Gehabe gibt für einen Skandal nichts her.

Seit Wochen wurde Norbert Gstreins neues Buch mit Hochspannung erwartet. „Die ganze Wahrheit“ sollte der Skandalroman des Sommers werden. Von Nada Weigelt

Ein Enthüllungsbuch über den zuletzt von Machtkämpfen und Intrigen gebeutelten Ex-Frankfurter, jetzt Berliner Traditionsverlag Suhrkamp. So wussten es Gerüchte in der deutschen Literaturszene. Gestern ist der Roman erschienen. Der Skandal bleibt aus.

Norbert Gstrein

Alle Medien, die das Werk des Österreichers Gstrein („Die englischen Jahre“) vor dem Start unter die Lupe genommen haben, sind sich einig: Die 304 Seiten starke Geschichte über eine angeblich wienerische Verlegerswitwe mit esoterischem Gehabe gibt für einen Skandal nichts her. „Rufmord ohne Tote“, titelt die „Süddeutsche Zeitung“. Und „Der Spiegel“ schreibt von einem „Möchtegernschlüsselroman“ und urteilt: „Kein Schuss in den Ofen, keine wirkliche Peinlichkeit und auch kein Skandal mit Ansage.“

Buch von schöner Verlegerwitwe Dagmar

Wie kommt es dazu? Gstrein, im Unfrieden geschiedener Suhrkamp-Autor, hatte bei einer Lesung vor drei Monaten selbst die Fährte zum deutschen Vorzeige-Verlag gelegt. Er schildere im Buch eine „Konstellation“, die „an eine Konstellation im Suhrkamp-Verlag erinnert“, teilte er im Literarischen Colloquium Berlin ungefragt mit.

Tatsächlich erzählt das Buch von der schönen Verlegerwitwe Dagmar, zweite Frau eines Patriarchen, die über den Tod ihres Mannes ein Buch schreibt. Der Fingerzeig ist überdeutlich. Auch Ulla Berkéwicz-Unseld, zweite Frau des langjährigen Suhrkamp-Herrschers Siegfried Unseld und heutige Verlags-Chefin, hat über den Tod ihres Mannes (1924 bis 2002) ein Buch verfasst: „Überlebnis“ (2008).

„Man hat mir abgeraten, darüber zu schreiben“, so beginnt Gstreins Roman, „und natürlich kenne ich Dagmar lange genug, um zu wissen, was mich erwartet, wenn nur etwas von dem, was ich über sie in die Welt setze, anfechtbar ist.“ In raffinierter Erzähltechnik vermischt der Autor Wahrheit und Erfindung, Fakten und Fiktion. Er möchte glauben machen, es gehe um eine „echte“ Wiener Verlegerin – und legt doch mit Hilfe von Gerüchten, Klatsch und Spekulationen immer wieder eine Fährte zum Frankfurter Verlagshaus. Der inzwischen nach Berlin umgezogene Suhrkamp-Verlag bleibt demonstrativ gelassen. Es gebe keine Reaktion, betont Pressechefin Tanja Postpischil. „Das ist ein Roman, der bei Hanser erscheint.“

Kritik geht mit Autor hart ins Gericht

Gstrein selbst versucht seit geraumer Zeit, die von ihm beschworenen Geister wieder einzufangen. Bei der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ zog er ein Interview zum Thema Suhrkamp zurück. Dem österreichischen Magazin „Profil“ sagte er, mit seinem Hinweis auf das Traditionshaus habe er nur einer „möglichen Skandalisierung“ zuvorkommen wollen, daraus habe sich ein „Kurzschluss“ ergeben.

Die Kritik geht mit dem Autor hart ins Gericht. Er werde dem „Vorwurf der üblen Nachrede und der kleinlichen Camouflage“ nicht entgehen, prophezeit die „Neue Zürcher Zeitung“. Und die „Welt“ urteilt scharf: „Gstrein hängt Dagmar mehr Klischees um, als einem Weihnachtsbaum an Strohsternen gut tut.“

Norbert Gstrein: Die ganze Wahrheit. Hanser, 304 Seiten, 19,90 Euro.

Im Hanser-Verlag, der das Buch mit einer Erstauflage von 10 000 Exemplaren auf den Markt bringt, ruft das Erstaunen hervor. „Wir wundern uns über die Vehemenz und die Aggressivität, mit der das Thema in den Medien zum Teil behandelt wird“, reagiert Sprecherin Christina Knecht. „Es ist doch Aufgabe der Kritik, das Buch erst einmal als solches wahrzunehmen und nicht das Drumherum.“

Quelle: op-online.de

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