Fakten und Imagination

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Alles ist im steten Fluss bei den vier Jungschauspielern.

Frankfurt - „Schwarze Begierde“, von der Dramaturgin Johanna Vater und dem Regisseur Gernot Grünewald gemeinsam mit dem Ensemble für die Box des Frankfurter Schauspiels entwickelt, baut auf einer Mischung aus Fakten und Imagination auf. Von Stefan Michalzik

Aufgerollt wird die Geschichte eines Totschlags, so lautet jedenfalls das Gerichtsurteil: Bernard Cantat, Sänger der französischen Rockband Noir Désir, hat am 27. Juli 2003 in der litauischen Hauptstadt Vilnius mit seiner Freundin, der Schauspielerin Marie Trintignant, aus Eifersucht gestritten und sie im Hotel derart verprügelt, dass sie ins Koma fiel und einige Tage später an den Folgen starb.

Die Geschichte ist einem aus den Medien vertraut, auch über die Psyche der Beteiligten ist viel zu lesen gewesen. Zu spüren ist das Bestreben, dem Phänomen auf die Spur zu kommen, derweil naturgemäß Leerstellen bleiben. Was genau geschehen ist in dieser Nacht, wird man nie erfahren, wie weit den Aussagen Cantats zu trauen ist, bleibt unklar.

Jugendlich lustvolles Spiel

Zwischen den vier Schauspielern Katharina Bach, Lisa Stiegler, Christian Erdt und Mario Fuchs, abgesehen von der jüngst ins Ensemble übergewechselten Stiegler gehören sie sämtlich dem Studio des Schauspiels an, ist alles ständig in Bewegung. Der Text wird als Spiel- und Sprechpartitur genommen. Das Quartett stimmt Lieder Cantats an, gestützt vom Gitarristen und Keyboarder Tobias Berthel. Michael Köpke hat die Bühne mit nicht viel mehr als einem Sofa und einem Blick durch eine offene Tür auf ein Hotelbettzimmer ausgestattet. Als die Tat naht, wird in einer rhythmisch virtuos forcierten spielerischen Überblendung zwischen Bühne und Video hin und her gewechselt. Das Spiel ist jugendlich lustvoll, in wie geschmiert perfekten Abläufen.

Überrascht wird man nicht, sofern man die Berichterstattung verfolgt hat. Aber die Personen, ihre Charaktere und ihre Verhältnisse werden gegenwärtig. „Man sagt, er habe schon früher Frauen geschlagen“, dieser Mann, der auf der anderen Seite von Krisztina Rády, seiner früheren Frau und Mutter seiner beiden Kinder, die ihn später wieder aufgenommen hat, als „ehrlich und sanft“ beschrieben wird. Rády hat sich im Januar 2010 erhängt. Nach Polizeiangaben schlief Cantat zur selben Zeit im Haus.

Nicht mehr als eine gelungenen Fingerübung

Die Partnerschaft zwischen Cantat und Trintignant ist offensichtlich von tiefer Leidenschaftlichkeit geprägt gewesen, die fatale Züge annahm. Cantat unternahm nach Trintignants Tod einen – halbherzigen? – Selbstmordversuch, später wurde er zu acht Jahren Haft verurteilt; nach seiner vorzeitigen Entlassung versuchte er mit seiner Band ein Comeback. 2010 haben sich Noir Désir getrennt.

Die nächste Aufführung ist am 23. September. Mehr Informationen gibt es im Internet.

Würde ohne die verhängnisvolle SMS, die den Streit auslöste, Marie Trintignant noch am Leben sein? Die Inszenierung lässt solche Fragen im Raum stehen. Sein Handwerk beherrscht Gernot Grünewald allemal, freilich hinterlässt dieses Dokumentarstück, das kein Drama ist und es auch nicht sein will, den Eindruck von nicht mehr als einer gelungenen Fingerübung. An dieser Stelle ist das durchaus in Ordnung.

Quelle: op-online.de

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