Familienmensch und Verführerin

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Strahlende Erscheinung: Auch im größten Probenstress bewahrt Jenny Carlstedt ihre gute Laune.

Frankfurt - Der Apfel ist ihr Mittagessen an diesem mit Proben und Gesprächen vollgepfropften Tag. Und er hat optisch sogar Sinn. Singt und verkörpert doch Jenny Carlstedt eine Verführerin in der Oper „Kullervo“ des finnischen Zeitgenossen Aulis Sallinen. Von Klaus Ackermann

In Szene gesetzt hat die Frankfurter Erstaufführung Altmeister Christof Nel, es dirigiert am Sonntag der ehemalige Darmstädter Generalmusikdirektor Hans Drewanz, die Titelpartie gestaltet der britische Bariton Ashley Holland.

„Kullervo“ basiert auf dem Nationalepos „Kalevala“, das schon viele Künstler inspiriert hat, weiß die in Schweden geborene und in Finnland aufgewachsene Mezzosopranistin, seit 2002 Ensemblemitglied der Oper Frankfurt. Vor allem die Schöpfungsgeschichte, erster Teil der „Kalevala“, hat es Carlstedt angetan. Zeuge sie doch vom großen Verständnis für die Natur.

Allein das Drama um Kullervo, den schönen Jüngling, der seit dem vermeintlichen Feuer-tod seiner Eltern traumatisiert ist und seine Leiden als Sklave in Aggressionen abreagiert, strotzt vor Gewalt. Ausgerechnet in die junge Frau des alten Schmieds hat sich Kullervo verliebt, die ihn zu verführen trachtet und letztlich von ihm umgebracht wird. Im Grunde sei dieser Mord im Affekt einzig Symbol dafür, was im Leben des jungen Mannes alles schief geht, weiß Carlstedt. Auch Regisseur Nel hat die Psyche des Titelhelden im Visier, dessen Leben in die 1960er Jahre verlegend.

Herzliche Begegnung in der Künstlergarderobe

„Eine Reise ins Innere, bei der sich Traum und Wirklichkeit vermischen“, sagt Carlstedt, die an Sallinens tonaler Musik vor allem die vielen charakteristischen Farben schätzt. Alle seine Opern basierten auf finnischer Geschichte. Zudem wisse er, wie Opernstimmen funktionierten, was nicht zuletzt die große melodische Linie bezeuge.

Ihr Gesangstalent hat Carlstedt von der Großmutter geerbt, einer Bauersfrau auf der finnischen Inselgruppe Aland, deren Klassik-taugliche Stimme sie fasziniert habe. Und auch der spätere Klavierunterricht brachte sie nicht davon ab. Dann fiel ihr eine Schallplatte mit barocken Arien der großen schwedischen Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter in die Hand, die ihren Entschluss festigte, Opernsängerin zu werden. Und weil von Otter derzeit in Frankfurt probt, gab’s in der Künstlergarderobe eine unerwartete, umso herzlichere Begegnung. Nach Studien an der Guildhall School of Music and Drama in London hat sich Carlstedt als Mozart-Sängerin profiliert. Doch der Weg ins dramatische Fach scheint vorgezeichnet.

Mittlerweile ist der verführerische Apfel längst gegessen, ein neuer Termin steht an. Im Kindergarten wartet der sechsjährige Sohn. Oper hin, Konzerte her – Jenny Carlstedt ist ein Familienmensch. Am liebsten auf einer der Aaland Inseln. Im Uralt-Kahn des Großvaters.

Quelle: op-online.de

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