Gehversuche zur Moderne

„Fantastische Welten“ im Frankfurter Städel

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Faszinierende Sicht auf die Apostel: Altar-Schnitzerei eines unbekannten Meisters in der Frankfurter Ausstellung.

Frankfurt - Das Frankfurter Städel-Museum zeigt Kunst aus dem 16. Jahrhundert. Im Mittelpunkt steht Albrecht Altdorfer (1480-1538). Unter dem Titel „Fantastische Welten“ geht es aber allgemein um „das Expressive in der Kunst um 1500“. Von Reinhold Gries 

Mit dem Prädikat „altdeutsch“ tut man dem Werken des Regensburger Hofmalers Albrecht Altdorfer und des um ihn gruppierten „Donaustils“ eher unrecht. Eher phantastisch und expressiv arbeiteten sich Altdorfer, der in Passau wirkende Vorarlberger Wolf Huber, Hans Leinberger in Landshut, Bildschnitzer „Meister IP“ und andere an Albrecht Dürers klassischen Bildmustern ab. Dabei öffneten sie „Fantastische Welten“, mit denen das demnächst 200-jährige Städel in aufwändiger Schau ins Jubiläumsjahr geht.

„Fantastische Welten“ bis 8. Februar 2015 im Städel-Museum, Schaumainkai 63, Frankfurt. Geöffnet: Dienstag, Mittwoch, Samstag, Sonntag von 10–18 Uhr, Donnerstag und Freitag von 10-21 Uhr

Ohne eingeengten Blick zur „Donauschule“ belegt man an 120 Exponaten aus Malerei, Druck- und Zeichenkunst sowie herausragender Altar-Bildschnitzerei, wie humanistisch denkende Künstler des Donauraumes mit gleichgesinnten Niederländern, Norddeutschen, Oberrheinischen und Böhmen zu neuen Ufern aufbrachen. Dafür stehen neben Stadtbaumeister und Ratsherr Altdorfer auch Werke Lucas Cranachs d.Ä., in Wittenberg Kunstunternehmer und Bürgermeister, wie des Stadtbaumeisters Huber und des hochgeschätzten Matthias Grünewald - Künstler mit neuem Selbstbewusstsein. Trotz adliger Auftraggeber bis zum Kaiser in Wien ermöglichten ihnen vorreformatorische Aufbruchszeiten ab 1500 neue Sicht auf Mensch, Landschaft, Historie und Bibel, bevor bilderfeindliche Reformatoren und Gegenreformatoren das Rad der Zeit zurückdrehten.

Mystische Landschaften und übersteigerte Bildinszenierungen

Albrecht Altdorfers „Grablegung Christi“, 1518, Predellenflügel des Sebastiansretabels für St. Florian.

Man sieht es an Bildnissen zu Weltlastenträger Christophorus, an expressiven Menschenbildern samt ungewöhnlichen Passionen, an mystischen Landschaften und übersteigerten Bildinszenierungen, wie sich Donaukünstler von Dürers „idealen“ Proportions-, Natur- und Perspektivstudien lösten. Sie befassten sich mehr mit dem Gegenteil: mit expressivem Zusammenspiel von Lichteffekten und überschwänglicher Farbgestaltung, mit grotesken Posen und Ornamenten, mit Körpern und weit ausschwingenden Gewändern als „Gestaltungsmasse“. Was oft als „Manierismus“ abgewertet wird, waren erste Gehversuche zur Moderne. Neuartig auch Kreuzigungen und Kreuzabnahmen, die den Betrachter stärker einbeziehen und emotionalisieren. Beginnend mit Cranachs „Schottenkreuzigung“ und immer drastischer werdend, rutschen schräg gestellte Kreuze auf Tafelbildern und „IP“-Altarretabeln aus der Bildmitte. In Hubers Blatt „Große Landschaft mit einer Stadt“ wird das religiöse Geschehen fast zur Marginalie im landschaftlichen Bedeutungsraum.

Altdorfer und Huber sind dabei die ersten, die Naturkulissen aus dem Hintergrund holen und Landschaft allein zum bildfüllenden Thema machen - samt bedrohlichen Gewitterhimmeln, lyrischen Sonnenuntergängen und menschenleeren Räumen. Federzeichnungen von Huber und Altdorfers Bruder Erhard verleihen knorrigen Kopfweiden bizarres Eigenleben oder machen große Fichten zu unheimlich belebten Naturwesen.

Kunst- und Kulturtage 2013 in Babenhausen

Kunst- und Kulturtage 2013

Alte Muster werden auch in Altdorfers „Geburt Christi“ umgewertet, in denen in Ruinen verstecktes Weihnachtsgeschehen gegenüber Lichterscheinungen fast nebenrangig wirkt, während die Hl. Familie in der „Anbetung der Könige“ mit Ruinen, Roben der Weisen und jenseitigen Lichtern um die Wette strahlen. Ähnlich visionäre Stimmungsräume reißt die „Auferstehung Christi“ eines oberrheinischen Meisters auf. Ungewohnt dramatisch Wolf Hubers groß gemalte „Gefangennahme Christi“ oder Georg Lembergers malerischer „Drachenkampf“. Für expressive Eroberung des Bildraums stehen auch das phantastisch geschnitzte „IP“-Holzrelief der „Johannesretabel“ aus Prag, Claus Bergs fast kubistischer Faltenwurf zur Güstrower Thomas-Figur und eine normannische Beweinungsgruppe.

Die vor Formen überquellende Hochaltarretabel der Zisterzienserkirche Zwettl, in der ein unbekannte Meister Apostelfiguren in Ekstase versetzt, scheint Materialgesetze von Lindenholz außer Kraft zu setzen. Etwas Wildes haben auch Hubers meisterliche Weißhöhungen auf dunklem Tonpapier und Leinbergers Martyrientafeln. Georg Lembergers Tafel „Sündenfall und Erlösung“ mutet beinahe schon surreal an.

Quelle: op-online.de

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