Fassbinders RAF-Kontroverse auf der Bühne

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Rainer Werner Fassbinders Film wurde von Alice Buddeberg fürs Theater adaptiert.

Frankfurt - Als Rainer Werner Fassbinder unter dem noch frischen Eindruck des Deutschen Herbsts seinen Film „Die dritte Generation“ drehte, erregte er gleich mehrfach Anstoß. Von Stefan Michalzik

Das Fernsehen wollte sich nicht an der Produktion beteiligen, der Berliner Senat verweigerte einen Kredit. Als der Film mit seiner kontroversen Sicht auf den Terrorismus einige Monate später in die Kinos kam, sprengten RAF-Sympathisanten Vorstellungen mit Stinkbomben. Terrorismus als Farce? Nicht umsonst hat das Frankfurter Schauspiel den Premierentermin für die auf dem Drehbuch fußende Theateradaption der jungen Regisseurin Alice Buddeberg in den Kammerspielen auf den Faschingssamstag gelegt.

Fassbinder unterschied zwischen den RAF-Terroristen der ersten Generation, die aus einer idealistisch verfochtenen Überzeugung und einem Gefühl der politischen Ohnmacht heraus gehandelt haben, jenen der zweiten, die sich aus einem Verständnis heraus zu Anwälten der ersten gemacht hat, und eben einer dritten Generation, die primär aus Abenteuerlust gehandelt habe, bar einer politischen Perspektive. Zudem behauptet Fassbinder eine Symbiose von Terrorismus, Sicherheitsindustrie und Politik. Gewalt als Geschenk für einen sich abschottenden Staat und das ihn dominierende Kapital.

In Frankfurt ist ein Ensemblestück zu sehen, mit schauspielerischem Nachwuchs von der hiesigen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Derweil im Film fortwährend Radionachrichten zu hören sind, die ungeachtet ihrer Tragweite – Revolution im Iran, Krieg zwischen China und Vietnam – praktisch nicht wahrgenommen werden, sitzen die sieben zunächst neutral gekleideten Schauspieler zunächst in einer mit Tageszeitungen zugekleisterten Kulisse um eine gewaltige Druckpapierrolle herum und lesen Schlagzeilen dieser Tage vor. Von Wulff und Griechenland bis „Rottweiler beißt Kinder – Haft für Hundehalter“. Schließlich verdichtet sich das mediale Dauerrauschen zu einem vielstimmigen chorischen Tohuwabohu.

Noch am 23. Februar sowie am 16. und 28. März. Karten gibt es unter Tel.:  069/21249494.

Die Zurschaustellung der Binnendynamik dieses Kollektivs erfolgt frei nach Brechts Theorie vom epischen Theater mit viel hysterisch-grotesker Überdrehtheit und Slapstick. Alice Buddeberg wählt grelle Farben, doch sie geht sehr formbewusst vor, und es gelingt ihr, den philosophischen Gehalt der eher rudimentären Geschichte spielerisch zu vergegenwärtigen. Einer allzu offensichtlichen Zeichensetzung mit Blick auf aktuellere Strömungen enthält sie sich. Die Figuren bleiben schablonenhaft. Die psychologische Analyse erfolgt modellartig, was sehr gut funktioniert. Nicht zuletzt vermag es Alice Buddeberg, sinnvoll mit dem Potenzial der sieben jungen Schauspieler umzugehen.

Quelle: op-online.de

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