Gertrude Reum im Rosenheim-Museum

Faszination des Fremden

Gertrude Reum, „Entstehung“, 1998, Zellstoff u. Mischtechnik.

So ähnlich könnte es auf einem fremden Planeten aussehen. Die Aquarelle von Gertrude Reum im Offenbacher Rosenheim-Museum bestehen aus Zellstoff, einem Brei aus Pflanzenfasern, den die Künstlerin mit streifigen Farben versieht. Vor der Trocknung traktiert sie den Stoff, bringt ihm Risse und Kratzer bei oder erzeugt Beulen durch Hin- und Herschieben der Masse.

Das Ergebnis sieht mal aus wie ein roter Steinfelsen in Australien, mal wie der Untergrund eines tiefen Tümpels oder die schillernde farbige Oberfläche eines Ölsees. Die Bilder ragen dreidimensional in den Raum. Ihre Oberflächen üben eine starke Faszination aus, etwas Fremdes, Unheimliches geht von ihnen aus.

Die Künstlerin besuchte von 1947 bis 1950 die Werkkunstschule Offenbach (heute Hochschule für Gestaltung). Danach lernte sie ihren Mann kennen, er ist Besitzer eines Metallverarbeitungsbetriebes. Sie begann mit dem glänzenden Material zu experimentieren. Das, was für ihre Aquarelle typisch ist – die auf den Betrachter ausgerichtete Perspektive –, führt bei ihren Metallarbeiten am Rezipienten vorbei: Schnüre und Ströme winden sich umeinander, laufen parallel und verlieren sich im Nichts. Reum fräste Linien mit der Schleifscheibe in Aluminiumflächen. Fast wie beim Dominospiel könnte Stein um Stein den Lauf des Bildes verlängern, bis in die Ewigkeit. Wechselt der Betrachter die Position, wölben sich die Flüsse von innen nach außen und erhalten plötzlich eine völlig neue Dynamik. Dreidimensionale Effekte werden durch die mikrofein geschliffene Oberfläche erzeugt.

Ergänzt wird die Präsentation durch meterhohe Objekte aus gebogenen Chromnickelröhren. Sie erinnern an Bauwerke von Kalkwürmern, organisch und technisch zugleich. Da finden sich Bildwerke aus wenigen Röhren, jedoch auch ganze Bündel davon wie ein Wirbelstrom. Die bewegten Linienführungen finden sich auch in ihren Metallreliefs, die sie mit aus Messingoberflächen herausgeätzt hat.

So entstand ein Altar-Entwurf, der mittlerweile in Heimbuchenthal umgesetzt wurde. Es scheint so, als schaffe es die Künstlerin Energieflüsse, Lichtwirbel und Erleuchtungen in eine Form übersetzen zu können.

TINA OWCZAREK

PGertrude Reum: „Das Raue und das Licht“ noch bis 27. September im Rosenheim-Museum Offenbach, Parkstraße 60. Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 14 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag 11 bis 17 Uhr.

Quelle: op-online.de

Kommentare