Faszinierender Spielraum zwischen Logik und Zufall

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Ewerdt Hilgemann, „Quad“, vakuumverformter Edelstahl, 2004.

Mit dem ersten abstrakten Aquarell des späteren Bauhaus-Lehrers Wassily Kandinsky von 1910 begann die „Konkrete Kunst“, damals „absolute Malerei“ genannt. Von Reinhold Gries

Prägend die niederländische Bewegung „De Stijl“ (ab 1917) mit Piet Mondrian und Theo van Doesburg, der 1930 definierte: „Konkrete Kunst ist die Bezeichnung für eine Kunst ohne jede Beziehung zur visuellen Wirklichkeit. Bildnerische Elemente sind weder Abbild noch symbolisch gemeint. Die künstlerischen Mittel haben sich emanzipiert. Was zu sehen ist, ist konkret gemeint, nicht stellvertretend.“

Wie sich diese Kunstrichtung bis heute positioniert, zeigt eine hochkarätige Schau im Landesmuseum Mainz. Ein klassischer Protagonist ist der Prager Milan Grygar mit monochromen, vertikal gegliederten Farbfeldern. Inspiriert durch alte liturgische Gesänge ist seine harmonisch balancierte Acrylbilder-Reihe „Antiphon“ (2003-05). Auch das mit Acryl auf Aluminium gesetzte „Schattenraster“ (2006) des Münchners Dany Paal schreibt „De Stijl“ und Bauhaus fort. Im Lichtspiel projiziert sein Gittergerüst segmentierte Flächen so auf die farbige Wand, dass Schatten zwischen komplementärem Grau, Rosa und Blauviolett changieren.

Liebe zur Geometrie prägt auch Reliefs und Collagen des Saarländers Jo Enzweiler. In mit Packstoff kaschierten Grundformen aus Holz kommt die Schräge ins Kalkül. Die Neu-Ulmerin Esther Hagenmaier transportiert rechtwinkligen Bildgrund in eine Schräg-Parallelwelt und beschneidet Farbfotografien so, dass sie sich bizarr öffnen.

„Positionen konkreter Kunst heute“ bis 13. September im Landesmuseum Mainz. Geöffnet: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr.

Der Saarbrücker Sigurd Rompza thematisiert 2008 in der „farb-licht-modulierung“ den Akt des Sehens, der sich in Bewegung vollzieht. „Dreischichtig gebrochen“ und „Quodlibet 48“ (2004) heißen entmaterialisiert wirkende Farbfeldspiele auf Sperrholz und Leinwand der Budapesterin Dóra Maurer. Vielschichtig auch Inkjet-Formgebilde des Österreichers Josef Linschinger, basierend auf „Konkreter Poesie“ und den Grundfarben. Ursprüngliche Zeichen lassen sich nur erahnen. Der Kölner Bildhauer Edgar Gutbub, einst Gastprofessor an der Offenbacher HfG, variiert seine in Primärfarben gehaltenen Wandobjekte aus Quadraten, Rechtecken und Dreiecken immer neu, kehrt sie spiegelbildlich um und öffnet sie flutlichtartig zu blauen und gelben Streifen. Faszinierend auch Claudia Vogels Holzrahmen und Metallgitter, horizontal, vertikal und diagonal mit farbigen Garnen bespannt. Durchs feinmaschige Gewebe ist tiefblaue Ölfarbe so intensiv von der Rückseite eingerieben, dass mancher sich an Tafeln Yves Klein erinnert fühlt.

Wie vielfältig „Konkrete Kunst“ sein kann, sieht man an Robert Schads massiven Vierkantstahl-Gebilden „Lerrik“ und „Ottok“, an Jan Meyer-Rogges stählernen Skulptur-Balancen und Ewerdt Hilgemanns Edelstahlobjekt „Quad“, dessen vakuumgezeugte Verformungen keine Spur äußerer Gewalt aufweisen. Himmelblau und marmorgepudert kommt John Carters Tableau „Line between: Blue“ daher, durchbrochen Norman Dilworths Corten-Stahl-„Octet“. Schwebend leicht die filigranen „Ranken“ des Maintalers Michael Kolod mit ihrem Gespinst aus Gartenranknetzen und rot markierten Schnittstellen. Der Spielraum zwischen Logik und Zufall begeistert.

Quelle: op-online.de

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