Fein verfremdet

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Kostüm und Maske sorgen mit strenger Stilisierung für die gewünschten Verfremdungseffekte.

Offenbach - „Den Vorhang zu und alle Fragen offen“ sah Kritiker Marcel Reich-Ranicki am Ende der Kultsendung „Das Literarische Quartett“. Von Markus Terharn

Dieses bekannteste Zitat aus Bert Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ fehlt beim Offenbach-Gastspiel des Hessischen Landestheaters Marburg in der Reihe „Theateressenz“ – auch mangels Vorhang im Capitol. Ebenso die Aufforderung: „Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss! Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!“ Für die letzten Worte halten harte Verse aus Brechts „Lesebuch für Städtebewohner“ her. „Denkt nur nicht nach, was ihr zu sagen habt: Ihr werdet nicht gefragt. Die Esser sind vollzählig. Was hier gebraucht wird, ist Hackfleisch. “.

Deftige Kost bietet Regisseur Stephan Suschke, obwohl er den Text um etwa die Hälfte auf zwei Stunden verschlankt. Zum Glück hat Bühnenpraktiker Brecht über aller grauen Theorie nicht vergessen, bunte Figuren auf die Bretter zu stellen. Ihren Dialogen hat Suschke nette Charakteristika abgelauscht, die seine gut geführten Darsteller lustvoll ausleben dürfen. Das Ergebnis verbindet Spaß mit Erkenntnis.

Shen Te, die Hure mit dem großen Herzen und dem göttlichen Auftrag, gut zu sein, ist in Gestalt von Anne Berg ein naiv-piepsiger Marilyn-Monroe-Verschnitt. Erstaunlich gerät immer wieder ihre Verwandlung, auch stimmlich, in den strengen Vetter Shui Ta. Der macht aus den Schmarotzern, die sie ausnutzen, emsig strampelnde Lohnsklaven auf Fitnessrädern; eins der vielen schönen Bilder, die das Stück aus dem Industriezeitalter in die Gegenwart holen.

Personen sind körpersprachlich gezeichnet

Andere Personen sind körpersprachlich gezeichnet. So glänzt Claudia Fritzsche als geldgierige Hausbesitzerin Mi Tzü mit Watschelgang. Stefan A. Piskorz katzbuckelt und liebedienert gar köstlich als reicher Shu Fu, der sich um Shen Te bemüht. Als stellungsloser Flieger Yang Sun, den sie vor dem Selbstmord bewahrt und fortan an der Backe kleben hat, ist Daniel Sempf eine ziemliche Lusche, so berechnend wie Uta Eisold als seine Mutter, aber nicht ohne Wirkung aufs weibliche Geschlecht. Präzise chorisch klingt die achtköpfige Familie. Aus den kleineren Rollen ragt die mächtige Statur von Oliver Schulz als Wasserverkäufer heraus.

Für die Brechtschen Verfremdungseffekte in dieser Parabel haben die Oberhessen überzeugende Lösungen gefunden. Das beginnt mit Momme Röhrbeins Klettergestänge, den Schauspielern turnerische Leistungen abverlangend. Weiter geht’s mit Eva Konstanze Naus Kostümen in dezentem China-Schick und der Maskierung mit über den Kopf gezogenen Nylonstrümpfen, die Löcher für Mund und riesige Augen lassen. Die Götter tönen lediglich hohl aus dem Off, von bläulichem Lichtflackern begleitet. Ihr Teil tragen die – notwendigen – Mikroports bei. Und die Saaltemperatur mag, wer da will, als Spiegel sozialer Kälte betrachten...

Quelle: op-online.de

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