Fest für Verschwörungstheoretiker

Diese Frau langt mächtig hin! Einem Paukenschlag gleich setzt Anja Bilabels Monolog ein. Der Text wird zur Partitur für Sprechstimme und Perkussion. Schlagzeuger Philipp Danzeisen schafft als Klangwerker mit elektronisch erweitertem Instrumentarium einen Resonanzraum. Von Stefan Michalzik

Ein interessantes Arrangement hat Sabine Loew für ihre szenische Bearbeitung von Dietmar Daths 2007 erschienenem Roman „Waffenwetter“ am Frankfurter Autorentheater geschaffen. Ich-Erzählerin Claudia Starik, 19-jährige Abiturientin, steht in engem Verhältnis zu Großvater Konstantin, Marxist und Millionär, der sein Geld mit der Elektronikmarktkette Sputnik gemacht hat. Auf sein Betreiben bricht das ungleiche Paar auf zu dem (real existierenden) US-Forschungsprojekt HAARP in den Bergen von Alaska unweit des magnetischen Nordpols. Offiziellen Angaben zufolge wird im High Frequency Active Auroral Research Project mittels hochfrequenter Strahlen an der Erdatmosphäre geforscht. Die gigantische Anlage, ein Wald von 650 Antennenmasten, ist ein Fest für Verschwörungstheoretiker. Claudia wird von Konstantin in eine terroristische Zelle und einen zerstörerischen Anschlag hineingezogen.

Daths Romane sind stets mehrschichtig angelegt. Theorie und Wissenschaft, Sciencefiction und Märchen: All das geht bei ihm zusammen. Die Inszenierung trifft seinen Ton, indem sie es dem Zuschauer nicht leicht macht. Sie richtet den Fokus auf die erzählende Figur. Die angehende Physikstudentin ist ein Ausbund an Intelligenz. In der kargen Ausstattung von Cornelia Falkenhan erzählt Claudia vom Sex im Auto mit dem Lehrer, vergegenwärtigt symbiotisches Verhältnis mit dem Großvater, berichtet von Begegnungen mit Duplikantinnen ihrer selbst. Sie und ihre „Schwestern“ sind aus einem sowjetischen Experiment hervorgegangen.

Mitunter könnte man meinen, Claudia sei Opfer von etwas, derweil ihre monströse Robustheit sie zur Täterin zu qualifizieren scheint. Diese Spannung darzustellen gelingt Bilabel, obwohl sie nicht die größte Schauspielerin ist und als doppelt so alte Frau keine überzeugende 19-jährige abgibt.

Der Zuschauer sieht sich geneigt, ein Gnadengesuch einzureichen: Textmassenbewältigung als Extremsportart. Zuweilen ersehnt er sich Übertitel, wie sie in der Oper üblich sind – durch elektronische Verfremdung der Stimme leidet oft die Verständlichkeit, manchmal gerät sie ob des Tempos unter die Räder. Dabei ist die Grundidee der Musikalisierung keine üble, zumal Daths Romane hohe Pop -Affinität aufweisen. Es ist ein Abend, an dem man sich mit vielversprechenden Ansätzen zufriedengeben muss.

Quelle: op-online.de

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