Neue Abteilung im Haus der Stadtgeschichte öffnet

Fester Platz für Kunst-Moderne

Ludwig Plaueln schuf diese Büste des Offenbacher Künstlers Erich Martin

Es ist ein guter Tag für Offenbachs Haus der Stadtgeschichte, wenn morgen um 15 Uhr die neue Abteilung „Kunst der Moderne/Skulptur/Grafik“ mit einer Werkauswahl zu Erich Martin eröffnet wird. Nicht nur Kunsthistoriker Marcus Frings, der den Umbau der ehemaligen Räume der Bildstelle betreut, hat ihn herbeigesehnt. Den Umbau ließ sich die Stadt einen fünfstelligen Betrag kosten, von Museumsverband und Land Hessen mehr als verdreifacht. Damit baut man im rückwärtigen Flügel des historischen Bernardbaus Magazin- und Depoträume, die noch nicht ganz fertiggestellt sind. Vollendet ist der 80 Quadratmeter große Ausstellungsraum mit Blick auf das Isenburger Schloss samt großzügiger Wandvitrine, neuen Ausstellungsvitrinen sowie Grafik-Tischen zum Einsehen des Druck- und Zeichenbestands. Neue Lichtleisten und Fensterverschattungen sorgen für angemessene Ausleuchtung. Ein Aufzug soll vom Eigentümer des Bernardbaus hinzukommen.

Zur Eröffnung hätte man sich kaum einen besseren Protagonisten aussuchen können als Erich Martin. Der oft ungenügend wahrgenommene Künstler machte im hr-Fernsehporträt den Vorschlag, wenn man mit seinem Werk nichts anzufangen wisse, könne man es „ja in den Main werfen…“. Dass dies nicht geschah, ist Sohn Peter Martin zu verdanken, der das Lebenswerk des Vaters lange an der Schweizer Grenze hütete, um es 2009 mit Schwester Marianne Reincke an die Stadt Offenbach gehen zu lassen: 200 erstklassige Malereien, Zeichnungen, Drucke, Skizzen und Dokumente, stellvertretend für eine bedeutende Künstlerexistenz in schwierigen Zeiten.

1905 in Büdingen geboren, von 1907 bis zum Tode 1977 in Offenbach lebend und arbeitend, hat Martin hiesige Moderne geprägt. Nicht nur in Offenbach, wo er 1926 zu den BOK-Gründern gehörte, auch in Frankfurt als Mitgründer der avantgardistischen „Zimmergalerie Franck“ (1949) und der Frankfurter Sezession (1953) oder als Ideengeber der Neuen Darmstädter Sezession (ab 1946). In den späten 20ern gehörte er in Rhein-Main zu den ersten, die Kubistisches aus Frankreich und Expressionistisches aus Deutschland zur Abstraktion führten.

Frings hat die für neun Monate angelegte Eröffnungspräsentation aus 26 Exponaten an Martins Kunst- und Lebensstationen orientiert. Und auch die Nazi-Zeit nicht ausgespart, in welcher der tief verzweifelte Künstler – bis auf die ausgestellten „Komposition I und II“(1930) – sein gesamtes abstraktes Werk vernichtete. Resigniert lieferte er da Gegenständliches und unverfängliche Illustrationen, abgesehen vom „Spanischen Zyklus“ zum Bürgerkrieg von 1937.

Man sieht, wie schwer ihm nach Militärdienst und Kriegsgefangenschaft die Rückkehr zur Kunst fiel. Wie andere „Quadriga“-Künstler kam er kaum zum Zuge, bevor man auf ihn aufmerksam wurde: 1953 auf der Mathildenhöhe, 1959 im Frankfurter Kunstverein, 1964 im Funkhaus des HR, 1975 bei der Werkschau im Hessischen Landesmuseum Darmstadt. In Offenbach erhielt der einst für den Büchner-Preis Nominierte erst 1975 die Bürgermedaille, um in Vergessenheit zu geraten.

Man sieht in der Ausstellung, wie sich der Elfjährige an Architekturskizzen versuchte, der Student an der Kunstgewerbeschule der Technischen Lehranstalten (heute HfG) an Rembrandt und Dürer schulte. Als freier Künstler ging er ab 1928 kubistisch-abstrakte Wege. Temperamalereien wie die expressiven „Drei Bäume“ (1946) und die surreale „Traummetamorphose“ (1947) zeigen Suche, die nach innen ging statt in den Kunstbetrieb. Im Spätwerk der 60er und 70er eroberte er das „Geistige in der Kunst“. Gemälde wie „Phantastische Hochzeit“, „Pflanzen-Metamorphose“, „Das Paar“ sind ein Humus, aus dem Offenbachs Kunst der Moderne wachsen kann. REINHOLD GRIES

P „Kunst der Moderne: Erich Martin“ im Offenbacher Haus der Stadtgeschichte, Geöffnet: Mittwoch 14 bis 19 Uhr, Donnerstag 10 bis 13 Uhr

Quelle: op-online.de

Kommentare