Fiebrige Fantasie

Das Leben ist manchmal eine Zumutung. Nämlich dann, wenn Wunsch und Wirklichkeit kollidieren, Selbstentwurf und gelebtes Leben einfach nicht miteinander in Einklang zu bringen sind. Mal ruft die Liebe solche Kollisionen hervor, mal der Beruf. Und manchmal driften Wunsch und Wirklichkeit in Beruf und der Liebe auseinander. Von Astrid Biesemeier

Das erlebt Nikolaj Gogols kleiner Beamter Poprischtschin in der Erzählung „Tagebuch eines Wahnsinnigen“, jetzt als Übernahme vom Deutschen Theater Berlin im Schauspiel Frankfurt zu sehen. Er träumt von einer großen Karriere und ist zudem in die Tochter seines Chefs verliebt. Doch weder Karriereträume noch Liebesgefühle haben Aussicht auf Erfolg. Und weil der immerhin schon 42-Jährige das alles nicht aushalten kann, flüchtet er sich in groteske, surreale Welten.

Dass Poprischtschin keinen soliden Boden unter den Füßen hat, zeigt Hanna Rudolphs Inszenierung mit dem virtuosen Samuel Finzi, dem Bühnenbildnerin Mareile Krettek einen ganzen Stapel Bretter zur Verfügung stellt, aus dem sich jedoch kein tragfähiger Boden zimmern lässt. Vielmehr wütet Finzi als sich immer mehr in absurden Fantasien Verlierender in ihnen herum, drischt auf imaginierte Feinde ein oder stolziert auf dem Holzabfall wie Napoleon Bonaparte auf edlem Parkett.

Für Poprischtschins zunehmend aus dem Gleichgewicht geratende Psyche findet Finzi ein wunderbares Äquivalent zwischen cholerisch hervorbrechendem Größenwahn und untertänigem Gebaren, zwischen gefährlichen Zügen, die einem solchen Charakter innewohnen, und der bemitleidenswerten Kreatur, die unter irren Blicken hervorlugt, zwischen Komik und Tragik dieser Figur, ihrer Wut und ihrer Erschöpfung.

Finzi lässt seinen Poprischtschin brüllen, dass er General sein will, um kurz darauf kläglich zu fragen: „Warum bin ich nur Titularrat?“ Ein unauflösbarer Widerspruch, den Finzis Poprischtschin nur lösen kann, indem er sich in die fast fiebrig erscheinende Fantasie, er sei König Ferdinand von Spanien, flüchtet und dabei letztlich doch wie eine verlorene, wenn nicht gar tote Seele erscheint.

Die Inszenierung hatte bereits 2008 in Berlin Premiere. Und es ist beeindruckend, mit welcher Kraft und Konzentration Finzi die Rolle des Poprischtschin noch immer spielt, wie er die Figur, die an der ausgeklügelten Rangordnung des zaristischen Russlands zerbricht, heute lebendig werden lässt. Dafür hat er dann auch mehr als königlichen Beifall mit Bravos erhalten.

Quelle: op-online.de

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