Figurativ und abstrakt

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Auguste Rodin, Das ewige Idol.

Rüsselsheim - Wann sieht man Werke von Paul Cézanne, Giorgio de Chirico, Edgar Degas, Max Ernst, Paul Gauguin, Alberto Giacometti, Henri Matisse und Auguste Rodin in einer Ausstellung? Von Reinhold Gries

Die 1969 in den USA gegründete Kasser/Mochary Family Foundation macht es in den Opelvillen zum Zehn-Jahre-Jubiläum der Rüsselsheimer Stiftung möglich.

Am Motiv der menschlichen Figur entfaltet Kuratorin Beate Kemfert in 50 hochkarätigen Werken ein sehenswertes Spektrum klassisch-moderner Bildhauerkunst. Dialog zwischen Figuration und Abstraktion spiegelt sich auch in Zeichnungen und Grafiken.

Veränderte Formauffassung

Die Werke Rodins, Vater moderner Plastik, stammen von 1890. Seine Akte und Paare wie „Das ewige Idol“, das Frauenpaar „Femmes damnées“ und der Torso „Figure volante“ brachten Neues. Unverständnis oder Empörung der Gründerzeitbürger ist nachvollziehbar, wenn man die Diagonale der fliegenden Figur, die sich wild umschlingenden Frauenkörper oder das leidenschaftliche Paar betrachtet. Form und Emotion werden zur Einheit bis in Konturen, Überschneidungen und raumgreifenden Körperbewegung.

Auguste Rodin, Das ewige Idol.

Derlei Impulse setzen sich fort in Degas’ Darstellung einer Schwangeren oder der zerklüfteten Figur „La danse“ von Matisse. Malerisches Licht-und-Schatten-Spiel korrespondiert mit neuartiger Flächengliederung, auch bei Gauguins Südseefigur „Hina“ und radikaler vereinfachend bei André Derains Jongleur-Relief. Veränderte Formauffassung zeigen Drucke wie Gauguins „Ja Orana Maria“, Georges Rouaults Akt, Cézannes Venus-Schraffuren und Aristide Maillols charmante Bleistiftzeichnung „Femme accroupie“. Revolutionär wie hochelegant wirkt Alexander Archipenkos weiblicher „Flat Torso“, hingehaucht Amedeo Modiglianis Kopfstudie.

Linien- und Flächenspiel

Die nächste Generation treibt die Abstraktion voran. Typisch Alberto Giacomettis Zeichnung „Figure assise“, verfestigt in der wie mit Knetmasse modellierten Bronze „Annette VI“ und abstrahierender „Femme debout“. In und nach dem Zweiten Weltkrieg wird die Menschfigur in Frage gestellt, zu verfolgen an László Moholy-Nagys kurviger „Composition“, Hans Arps flächigen Essenzfiguren oder Josef Kaisers Torso „Kniende“. Was passiert ist, lässt sich auch an Jacques Lipchitz’ erregter „Tänzerin mit Schleier“ ablesen.

Das Linien- und Flächenspiel setzt sich fort in Le Corbusiers farbigem Radierzyklus „Unité“, Marino Marinis spätkubistischer Komposition „Allucinazione“ und Joan Mirós schwebenden Farbtupfen in seiner „Hommage à Rimbaud“. Dann kommt Sehnsucht auf nach Griffigem. Giacomo Manzús bronzene Frauenbüste beugt sich keineswegs dem Diktat der Abstraktion, Henry Moores „Two Seated Figures Against Wall“ finden den goldenen Mittelweg, von de Chiricos „Oreste e Pilade“ vorgegeben. Zeichnerisch spiegelt sich das in Jean Cocteaus Mensch-Stier-Skizze und Ricardo Ulloa Garays verspielt-humorvollen Einlinienerzählungen.

„Linie und Skulptur im Dialog“, bis 5. Februar 2012 in den Opelvillen, Ludwig-Dörfler-Allee 9, Rüsselsheim. Geöffnet Mittwoch/Donnerstag 10 bis 21, Freitag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr

Quelle: op-online.de

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