In Filmen zur DDR

Wie viel Lüge ist erlaubt?

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Florian Lukas liest in „Good bye, Lenin!“ fiktive Nachrichten aus der DDR, die längst Geschichte ist.

Offenbach - Eine zerbrochene Schranke über Menschenmassen, Fahnenjubel, Freudentaumel, ausgestreckte Hände, hochgerissene Arme, dazwischen leise die Nationalhymne. Von Eva-Maria Lill 

„Ich habe beschlossen, die Grenze der DDR zu öffnen. Schon in den ersten Stunden sind tausende Bürger der BRD zu uns gekommen, um dem Kapitalismus zu entfliehen. “ Kosmonaut Sigmund Jähn lächelt in die Kamera und faltet die Hände zufrieden auf dem Tisch.

Keine Szene aus einer Dokumentation, erst recht nicht aus einem „Tagesschau“-Bericht. Sondern ein Stück verdrehte Historie und ein bisschen Lüge - „Running Gag“ in einer Komödie, die mit sechs Millionen Kinobesuchern auf Platz sieben der erfolgreichsten deutschen Filme aller Zeiten steht. Wolfgang Beckers „Good bye, Lenin!“ (2003) beleuchtet auf amüsante Weise eine Debatte, die unter Filmemachern durchaus engagiert geführt wird. Darf Historie im Film verändert werden? Wie viel Lüge ist eigentlich erlaubt, um Wahrheit zu erzählen?

Der amerikanische Romanautor Louis Begley schreibt 2003: „Wir kommen der Wahrheit nie näher als mit erfundenen Geschichten.“ Sein Argument: Viele Teile des kollektiven Gedächtnisses bauen auf Halbwahrheiten. Wer weiß noch, wie Sand im Schützengraben schmeckt? Wer weiß noch, wie Verzweiflung unter Bombenhagel klingt? Trotzdem haben die meisten eine genaue Vorstellung der Weltkriegszeit. Aus Erfahrung wird Erzählung, aber was davon taugt als Eindruckgeber? Während Begley mit Hilfe seiner „historischen Lüge“ Wahrheiten über den Weltkrieg ausgräbt, buddeln wir heute an gänzlich anderer Stelle.

Die Gemüter kochen hoch

Am 9. November 1989 fiel die Mauer. Jeder über 25 hat das emotionale Ereignis miterlebt, jeder über 35 hat vermutlich eigene Geschichten dazu. Wird Historisches verfilmt, kochen die Gemüter hoch. Umso schneller, falls Fiktion dabei auf Erinnerung prallt.

Das wohl prägnanteste Beispiel: Im Jahr 2006 sorgt ein Film über die deutsch-deutsche Grenze für internationale Diskussion. Florian Henckel von Donnersmarck gewinnt mit „Das Leben der Anderen“ sogar einen Oscar. Die Parabel um den kolossal aufspielenden Ulrich Mühe spaltet die Kritik. Die einen loben emotionale Wucht, die anderen verteufeln historische Ungenauigkeit. Liedermacher Wolf Biermann staunt: „Der politische Sound ist authentisch“, Schauspieler Henry Hübchen tobt: „Ein schlecht recherchiertes, amerikanisches Märchen.“

Schuld am Dilemma ist auch Donnersmarck selbst, der behauptet: „Eine fiktive Geschichte in einem wahren Kontext kann oft wahrer sein als eine dokumentarisch rekonstruierte.“ Eine Frage der Balance. Wenn Vorbild-Stasi-Ekel Wiesler (Mühe) mit Tränen in den Augen Klassik hört, wenn der Linientreuste zum Retter ehrlicher Rebellenliteratur mutiert; ist es dann fiktive Wahrheit oder schon historischer Betrug?

Viele Filme beschönigen

Nicht nur „Das Leben der Anderen“ muss sich Beschönigung vorwerfen lassen. Besonders wenn es um sozialistische Diktatur geht, schrillen schnell Alarmglocken. Filme wie „Das Versprechen“ (1995) oder „Liebe Mauer“ (2009) degradieren Überwachung zum Schauplatz verkitschter Liebesgeschichten. Oft wird dabei die Grenze zwischen politischem und persönlichem Desaster übersehen. Da laufen die Protagonisten von „Liebe Mauer“ in Zeitlupe einander in die Arme, verkommt der Mauerfall zur Farce. Das Unwort „Ostalgie“ ist schon lange vor „Good bye, Lenin!“ ein kulturelles Phänomen.

Böse Zungen mögen behaupten, es gäbe sowieso nur drei Sorten Mauerfall-Film: Dramen über Staatssicherheit, Schmonzetten über Liebe und Streifen über Spreewaldgurken. Und das in beliebiger Kombination. Beispiel gefällig? In „Kleinruppin Forever“ (2004) ist die DDR charmanter Gegenentwurf zur verkopften Bundesrepublik. Protagonist Tim bleibt wegen der Liebe (!) im Osten und tanzt auf Rock-Konzerten. In solchen Fällen ist die Frage erlaubt: Was werden Menschen denken, die Historisches an Hand dieses Films rekonstruieren?

Dann vielleicht doch lieber 92 Minuten Teenie-Drama, dem Ironie aus jeder Sekunde quillt. Leander Haußmanns „Sonnenallee“ (1999) gilt als Urvater der Ossi-Komödie. Wenn am Ende Halbstarke zu „Du hast den Farbfilm vergessen“ von Nina Hagen gegen die Mauer tanzen, können Kritiker viel falsch verstehen. Genauso viel wie bei „Good bye, Lenin!“. Erst ein genauer Blick verrät: Wolfgang Beckers Komödie trifft das Thema. Um das Herz seiner todkranken Mutter zu schonen, wird Alex (Daniel Brühl) zum Regisseur seiner eigenen DDR. Nicht, weil er Böses will, sondern weil er persönlich betroffen ist. Und aus Betroffenheit wird irgendwann Emotion. Und aus Emotion irgendwann Nachdenken. Ist es nicht das, was auch Dokumentarisches will?

Vielleicht kommen wir der Wahrheit nie näher als mit erfundenen Geschichten. Solange wir die Wahrheit als Erinnerungsspielwiese begreifen – und Filme nicht als allwissende Zeugen für die Ewigkeit.

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Quelle: op-online.de

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