Fliegende Wechsel

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Starke Schulter zum Anlehnen: Gesucht von Pamela (Isabel Scholz) und gefunden bei Richard Hannay (Jerry Marwig), mit dem die Schöne haarsträubende Abenteuer in Schottland erlebt.

Frankfurt - „Die 39 Stufen“, das ist jener Hitchcock-Film mit der Jagd auf dem Zugdach, dem Sprung von der Forth-Brücke und der Flucht in Handschellen durch das Moor. Von Markus Terharn

Wie dieser aufwändige Streifen mit nur vier Darstellern auf eine kleine Bühne zu bringen ist, kann man sich kaum vorstellen: Das muss man gesehen haben! Im Fritz-Rémond-Theater am Frankfurter Zoo hat Hausherr Claus Helmer das Stück aus Anlass seines 15-Jahre-Direktionsjubiläums inszeniert, mit glänzend aufgelegtem Darstellerquartett, das selbst jede Menge Spaß hat. Helmer hat klar erkannt, dass dieser wüsten Spionagegeschichte am besten mit Humor beizukommen ist. Was John Buchan 1915 als Roman geschrieben und Alfred Hitchcock 1935 als Thriller umgesetzt hat, haben Patrick Barlow, Simon Corble und Nobby Dimon in eine Kriminalkomödie verwandelt – mit Betonung auf dem zweiten Wortbestandteil.

Wer davon träumt, vom Theaterbesuch mit einer schutzbedürftigen Schönen heimzukehren, wird sich das nach diesem Abend nochmal überlegen. Richard Hannay findet die geheimnisvolle Annabella bald mit einem Messer im Rücken und sich als ihr Mörder verdächtigt. Ihrem Hinweis folgend reist er nach Schottland, wo er von Guten wie Bösen erbittert verfolgt wird, aber viel weibliche Hilfe erfährt.

Wichtig ist nicht, worum es eigentlich geht; das Geheimnis erweist sich am Ende als Hitchcock-typischer „MacGuffin“, beliebig austauschbar also. Entscheidend sind Einfallsreichtum und Tempo. Regisseur Helmer arbeitet mit allen Mitteln: Filmmusik, mal kitschig und mal dramatisch, Geräusche vom Band, Trockeneisnebel, bewegte Schattenrisse. Marc Löhrers variable Ausstattung erlaubt raschen Umbau, simuliert Eisenbahnabteil, Auto und Motorrad so gut wie Varieté, Herrenhaus und Hotel. Die Vielfalt der Stile ist erstaunlich, das Timing toll, die Anforderungen an die Schauspieler sind gewaltig.

Und die sind das Hauptkapital der sehenswerten Inszenierung. Wäre er etwas jünger als seine 66 Jahre, hätte Helmer vielleicht den Hauptcharakter übernommen. Jerry Marwig entspricht jedenfalls seinem Typ, bis hin zum mehrfach im Text erwähnten schmalen Oberlippenbart. Er ist die perfekte Verkörperung des kühnen britischen Kavaliers, nie verlegen um einen eleganten Trick oder einen festen Fausthieb.

Weitere Aufführungen sind noch bis zum 25. April zu sehen.

Dieser Charmeur bezirzt Isabel Scholz in diversen Frauenrollen, als attraktive Agentin, verliebte Bäuerin oder an ihn gekettete genervte Nervensäge. Alle anderen Partien teilen sich Stefan Schneider, der dabei gleich mehrfach das Geschlecht ändert, und Gerhard Mohr. Ihre fliegenden Kostümwechsel sind mit bloßem Auge kaum nachvollziehbar. Sie mimen Conférencier und Gedächtniskünstler, Ordnungshüter und Landvolk, Wirte und Politiker, Finsterlinge und Lichtgestalten, Sumpf und Stechginster. Wahrscheinlich wissen sie zum Schluss selbst nicht mehr, wer sie sind.

Für Cineasten gibt’s Anspielungen auf weitere Hitchcock-Werke wie „Der unsichtbare Dritte“ und „Der Mann, der zuviel wusste“. Und wenn der Eindruck nicht getäuscht hat, absolviert der Meister einen seiner berühmten Kurzauftritte in Form einer Silhouette.

Das Ergebnis ist zwerchfellerschütternd. Derweil sich ein Paar in der Premierenpause uneins ist, ob es Klamauk ist (nein), kommt das Publikum aus dem Lachen kaum heraus. Intendant Helmer, Theatermann mit Leib und Seele, hat sich damit selbst das perfekte Geschenk gemacht!

Quelle: op-online.de

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