Fluxus und die Folgen

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Labyrinthisch mutet die Jubiläums-Präsentation an, die Installationen mit Fotografien und Dokumenten vereint.

Wiesbaden - Schon vor 1968 brodelte es in unangepassten Kunst- und Musikszenen, auch angewidert vom Wirtschaftswunder und dessen Begleiterscheinungen. Von Reinhold Gries

Vor 50 Jahren startete der in Wiesbaden lebende Litauer George Maciunas mit dem koreanischen Aktionskünstler Nam June Paik und Avantgardisten wie John Cage, George Brecht, Wolf Vostell, Yoko Ono, Dick Higgins, Joseph Beuys und anderen einen Generalangriff auf elitäre Kunst- und Musik-Fetische. In dem „Fluxus“ genanntem Neo-Dada-Aufbruch bei den „Wiesbadener Internationalen Festspielen Neuester Musik“ 1962 sollte allein die schöpferische Idee zählen.

Genau am Ort des Geschehens, im Museum Wiesbaden, kann man nun erleben, dass unkonventionelle „Flüxler“ immer noch leben, nicht nur in Ben Pattersons begehbarer Skulptur aus Übersee-Containern vor ehrwürdiger Fassade. Dem ausgesprochen athletisch wirkenden Goethe-Monument hat man respektlos ein „Occupy Fluxus“-Schild zur Seite gestellt. Dazu betreibt Fluxus-Experte Harry Ruhé den passenden Avantgarde-Buchladen, und es gibt Raum für spontane Besucher-Performances samt Freiluft-Café mit „Flux-Food“.

Klappsessel vor Großfotos

Bestens gefluxt geht man von da in die labyrinthisch aufgebaute Ausstellung, in der Raumgreifendes und Detailversessenes die Fluxus-Festspiele und deren Folgen darstellen. Klappsessel vor Großfotos versetzen ebenso zurück wie Höreindrücke und Objekte, Zeichnungen und Skulpturen. Das Revival geht nicht ohne den 100-jährigen Cage ab als Neudefinierer von Klang, Stille und Zufall, auch nicht ohne schon 1947 mit Filzstiften notierte Paik-Partituren. Dass Derartiges inmitten des täglichen Lebens für jeden auf- und ausführbar sein sollte, kann man nicht nachvollziehen.

Nachvollziehbar sind Bürgerschreck-Aktionen: Paiks in Transparentfolien gehüllte, nackte Vorzeige-Cellistin Charlotte Moorman füllte mit skandalträchtigen Auftritten die Regenbogen-Presse. Klavierkonzert-Performances mit Tonband- oder Radiobegleitung, bei denen auch ge(s)tanzt und geklopft, geschrien und gesungen wurde, fanden Widerhall bis in Vorzeigeblätter. Fotos zeigen, wie am Ende eines Konzerts ein alter Bechstein-Flügel zersägt wurde. Das stellte „tröpfelnde Musik“, Streichquartette, ein „Kerzenstück“ oder Yoko Onos „Ein Stück um den Himmel zu sehen“ leider in den Schatten.

Fast klassisch modern wirken lange angefeindete Assemblagen und Collagen, Objektkästen und Installationen, Montagen und Materialbilder. Viele davon sind zu bemerkenswerten Installationen zusammengebaut. Wolf Vostells Decollagen und Materialbilder sind dabei ebenso zu Kunst geworden wie Robert Fillious „Optimistic Boxes“. Ben Pattersons „Smoking“-Arrangement mit Spielwalze und Orgelpfeifen hat etwas von einem Schrein. Dazu verbreiten Dick Higgins‘ gemalte „Luftgedichte“ und strahlenförmiger Schmetterlings-Druck wie Tomas Schmits Schreibmaschinengedicht eine eigene Art von Poesie.

„Fluxus at 50“ bis 23. September im Museum Wiesbaden. Geöffnet Dienstag bis Donnerstag 10-20 Uhr, Mittwoch, Freitag und Sonntag 10-17 Uhr

Quelle: op-online.de

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