Formgestalter und Vordenker

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CH Beata I (1939), Öl auf Leinwand

Im 90-Jahre-Jubiläumsjahr des Bauhauses gehört die große Retrospektive der Frankfurter Schirn zu den schönsten. Dort hat man dem von 1923 bis 1928 in Weimar und Dessau wirkenden László Moholy-Nagy den Raum gegeben, den er als Vordenker verdient. Von Reinhold Gries

Getreu seinem Motto „Alle Gestaltungsgebiete des Lebens sind eng miteinander verknüpft“ lernen Besucher einen Universalkünstler kennen, der früh an Gesamtkonzepten arbeitete, die heute als Mediendesign und Marketing firmieren.

1895 als László Weisz in Ungarn geboren, bei seinem Onkel Gustáv Nagy in Mohol aufgewachsen, veröffentlicht er schon zu Schülerzeiten Gedichte. Nach Verwundung im Ersten Weltkrieg gibt er das Jurastudium auf, widmet sich unter dem Einfluss deutscher Expressionisten und russischer Konstruktivisten der Malerei. Nach Zerschlagung der ungarischen Räterepublik geht er von Budapest über Wien nach Berlin. Seine spätere Frau Lucia öffnet ihm die Fotografie als Medium, Theo van Doesburg die niederländische De-Stijl-Formsprache.

Selbstporträt (1945)

Moholy-Nagys „Buch neuer Künstler“ und Licht-Raum-Konzepte begeistern Walter Gropius dermaßen, dass er den Ideengeber als Professor und Formmeister der Metallwerkstatt ans Weimarer Bauhaus holt. Dort und ab 1925 in Dessau setzt der Hoffnungsträger Maßstäbe, die sich auch in zwölf von ihm gestalteten Bauhaus-Büchern spiegeln. Nach 1928 erregt Moholy-Nagy in Berlin als Designer und Bühnenbildner Aufsehen. Vor dem NS-System flieht er 1934 nach Amsterdam, dann nach London und in die USA, wo er 1937 in Chicago das prägende „New Bauhaus“ gründet und 1946 an Leukämie stirbt.

Die Schirn präsentiert üppig den klassisch-konstruktivistischen Maler und Grafiker mit Dada-Collagen und Aquarellen, großflächigen Ölbildern („Gelber Kreis“) und geometrisierender „Kestner-Mappe“ (1919-1923). Ausgewogene Farb- und Formkompositionen mit Seriennummern wie „A 19“ und „K XVII“ (1922-1927) und streng horizontal-vertikal gegliederte Farbfelder im Mondrian-Stil münden in Ellipsen und Kurven der 30er/40er wie in „CH Beata I“.

„László Moholy-Nagy, Retrospektive“, Schirn Frankfurt, Römerberg. Geöffnet bis 7. Februar 2010 Dienstag, Freitag bis Sonntag 10 bis 19, Mittwoch/Donnerstag 10 bis 22 Uhr

Bildgründe bestehen aus Kunststoff oder Plexiglas, enthalten plastische Einschlüsse und Ritzungen. Prophetisch verarbeiten die Bilder „Nuclear I und II“ (1946) globale Zerstückelung nach Hiroshima. Faszinierend der Designer und Experimentator. Zu „Telefonbildern“ aus Porzellanglasur auf Stahl legt Moholy-Nagy Komposition und Farbigkeit auf Millimeterpapier fest, um Entwürfe nach telefonischen Angaben von Mitarbeitern ausführen zu lassen.

Neuartige Fotografien zeigen Balkone in Steilansicht, Aufnahmen aus großer Höhe, sozialkritische Fotoplastiken aus abfotografierten Collagen. Entmaterialisiert wirkende Fotogramme (1922-1941) in Schwarz-Weiß-Grau gleichen abstrakten Malereien mit Licht, bei denen selbst Röntgenstrahlen nicht gescheut werden. Die Effekte steigern sich ab 1937 zu kinetischer Lichtmalerei; auf Abzügen erster Farbfilmdias geraten Neonreklamen und Autoscheinwerfer in Bewegung.

In ihrer Zeit skandalträchtig sind Bühnenbilder zu „Hoffmanns Erzählungen“ an Berlins Kroll-Oper, deren Licht-Raum-Szenarien sogar Ernst Bloch verblüffen. Raffiniert öffnet Moholy-Nagy mit einem Licht absorbierenden wie reflektierenden „Licht-Raum-Modulator“ (1930) seine „elektrische Bühne“. Pionierarbeit hatte er schon zu Schlemmers Bauhausbühne und futuristischen Kunstfiguren geleistet. Wie Ideen eines neuen Leonardo wirken Entwürfe zur „mechanischen Exzentrik“ und einem spiralförmigen Fahrstuhlsystem. Das illustre Kaleidoskop endet in eleganten Skulpturen aus Plexiglas und Metall („Dual Form with Chromium Rods“, 1946) und im „Raum der Gegenwart“, 1930 für Alexander Dorners Museum in Hannover entworfen, aber als Gesamtkunstwerk nie realisiert.

Die erste westdeutsche Rekonstruktion fasst in laufenden und stehenden Bildern, Panoramen und Rolleaux zu Architektur, Produktdesign, Typografie und freier Kunst zusammen, was am Bauhaus entwickelt wurde.

Quelle: op-online.de

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