Forschergeist im Dienst der Mundart

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Michael Quast, der mit seiner Fliegenden Volksbühne Frankfurt wohl bald am Rande des Sachsenhäuser Apfelweinviertels im einstigen Restaurant Paradieshof dauerhaft landen wird, ist von einem philologischen Forschergeist beseelt, der manche verborgene Perle zu Tage fördert.

Frankfurt - Michael Quast, der mit seiner Fliegenden Volksbühne Frankfurt wohl bald am Rande des Sachsenhäuser Apfelweinviertels im einstigen Restaurant Paradieshof dauerhaft landen wird, ist von einem philologischen Forschergeist beseelt, der manche verborgene Perle zu Tage fördert. Von Stefan Michalzik

Ein kleiner, unter dem Titel „Ich saach niks mehr!“ stehender Abend in den Kammerspielen gab einen Eindruck davon, was im neuen Haus zu erwarten sein dürfte. Durchweg handelte es sich um Szenen von aberwitziger Komik. „Herr Bimbler in der Nachtkapp“, um 1840 verfasst von dem nach seiner Beteiligung an der Revolution von 1848 nach New York ausgewanderten Rödelheimer Dichter und Wasserdoktor Maximilian Leopold Langenschwarz, zeigt einen sich revolutionär gebärdenden Kleinbürger in der Lächerlichkeit seiner morgendlichen Verrichtungen; als sich herausstellt, dass die Revolution längst vorbei ist, wird im Angesicht der Staatsgewalt aus dem vermeintlichen Helden ein Kriecher.

Eine dreiköpfige Familie sieht sich, der Sparsamkeit halber, eine Oper auf eine Theaterkarte an, ein jeder einen Akt, und hinterher wird am Biertisch berichtet: Das ist die Situation in „Die geteilte Walküre“ von 1912, einem Stück des als Mitarbeiter der den Jugendstil begründenden Zeitschrift „Jugend“ nach München übergesiedelten Frankfurter Autors Karl Ettlinger, der 1939 als mutmaßliches Opfer der Nazis starb. Der Blick der Familie auf Wagners Oper ist haarsträubend kunstfern.

Die Zeit scheint vorbeigegangen zu sein an dem greisen Ehepaar in „Was is“, 1964 entstanden für die Szenenfolge „Bleiwe losse“ von Wolfgang Deichsel, dem Erneuerer des hessischen Volkstheaters. In die kleine Welt des Paares tritt ein Elektriker, der arge Mühe hat zu vermitteln, dass die 40 Jahre alte Steckdose nicht mehr zu reparieren ist.

Mit Schauspielern wie der jungen Lucie Mackert, dem voluminösen Matthias Scheuring und der großartigen Hildburg Schmidt hat Quast ein famoses Ensemble. Alle betreiben sie das Komödiantische mit Ernsthaftigkeit und Befähigung. Geistvolle Unterhaltung mit Esprit und Timing, das ist wahrhaft groß. Quast ist das Zugpferd, eine Ein-Mann-Schau aber droht das beileibe nicht zu werden.

Quelle: op-online.de

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