Fotografische Grenzgänge

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Entfremdung des Gewohnten bei Thomas Lemnitzer.

„Zwei photographische Positionen“ werden im Untertitel zur aktuellen Ausstellung im Offenbacher Salon 13 angekündigt. Eine treffende Umschreibung für die Arbeiten der Fotografen Stefan Kiess und Thomas Lemnitzer, die ab Sonntag in der Produzentengalerie des Bundes Offenbacher Künstler (BOK) gezeigt werden. Von Carsten Müller

Obwohl sich ihre Herangehensweise in ästhetischer wie technischer Hinsicht geradezu diametral unterscheidet, ergeben sich Gemeinsamkeiten. Und die sind nicht nur in der langjährigen Freundschaft der beiden auf Umwegen mit der Stadt Offenbach verbundenen Fotokünstler zu finden.

Konstruktives bei Stefan Kiess.

Thomas Lemnitzer, der seine Brötchen unter anderem mit Auftragsarbeiten für Werbeagenturen verdient, begibt sich mit der Digitalkamera auf die Suche nach dem außergewöhnlichen Motiv und wird dabei in seinem Wohnort Offenbach fündig. Es sind Schärfe-Unschärfe-Relationen, Oberflächenstrukturen, Farbe und Grafik, denen er mit der Kamera zu neuen Ansichten verhilft – mal als großformatig aufgezogenes Weitwinkel-Panorama einer rohen Ziegelwand, mal mit dem mikroskopischen Blick auf Details von türkisen Buchstaben und Symbolen auf rostigem Untergrund, mal mit der das Auge des Betrachters irritierenden Maskierung von hinter strukturiertem Glas verschwimmenden Farben und Formen.

Es ist das alte Spiel des Fotografen, das Sammeln von Ausschnitten der Wirklichkeit, dem Lemnitzer in seiner Interpretation durchaus interessante Facetten abzugewinnen vermag. Er überführt eine sattsam bekannte Realität in die abstrakte Dimension, wird vom bloßen Chronisten zum Maler mit dem Objektiv – und verzichtet trotz digitalem Prozess auf eine Manipulation des Bildes.

Stefan Kiess/Thomas Lemnitzer vom 22. August bis 12. September. Geöffnet: Mittwoch und Sonntag von 15 bis 18 Uhr sowie nach Absprache: Telefon 0179/1065469.

Durchweg analog arbeitet hingegen Stefan Kiess, der sich aus dem professionellen Dasein als Fotodesigner zurückgezogen hat und sich auf einer Metaebene mit seiner Profession auseinander setzt – und er manipuliert nach Herzenslust. In den von Informel und Konstruktivismus beeinflussten Montagen aus zerschnittenen, umkopierten Negativ-Fragmenten fließen sein physisches fotografisches Archiv und Reflexionen aus langen Jahren der Architekturfotografie ineinander. Aus dem gewohnten architektonischen Formenkanon entstehen im aufwendigen Prozess des Zerlegens und Zusammenfügens künstlerisch komponierte Schwarzweiß-Grafiken, in denen sich Gegenständlichkeit verliert. Mit der Dekonstruktion des Vertrauten erschafft Kiess neue Bewusstseinsräume, die das Echo einer Verunsicherung in die scheinbar fest gefügte Welt tragen.

Quelle: op-online.de

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