Undogmatisch und politisch

Frankfurt - Daniel Kahn gastiert im Palmengarten. Der MUsiker kennt keine Grenzen. Von Sebastian Hansen

Der seit einigen Jahren in Berlin lebende Sohn amerikanischer Juden, Jahrgang 1978, knüpft mit seiner Haltung als Klezmermusiker letztlich an die Tradition des Genres an: Über Jahrhunderte hinweg hat die Hochzeits- und Tanzmusik der osteuropäischen Juden im Zuge von Migrationswanderungen Stilmerkmale zahlreicher regionaler Volksmusikkulturen aufgesaugt. In den achtziger Jahren setzte eine Welle der Verflechtungen mit Rock und Pop, Klassik und Jazz ein, die bis heute andauert.

Daniel Kahn, der mit seiner Band The Painted Bird zur Eröffnung der Weltmusikreihe im Palmengarten gastierte, ist der jüngste der Erneuerer. Soweit man heute noch von solchen sprechen kann, schließlich ist inzwischen der nostalgische Blick von einer vielfältig ausdifferenzierten zeitgenössischen Klezmerszene gründlich verdrängt worden.

Eine Klarinette gibt es bei Daniel Kahn nicht, er selbst spielt Klavier, Akkordeon und E-Gitarre, die Band ist mit Fiedel, Kontrabass und Schlagzeug besetzt. Kahn will seine Musik politisch gelesen und als ,,Verfremdungsklezmer“, mithin als episch im Sinne Brechts verstanden wissen. Gleichsam aufbauend auf Kurt Weill produzieren Kahn und die Musiker eine Vielfalt von Stimmungen, zwischen Lebensfreude, Bitterkeit, Ironie und Humor, Tanzreißer und Introspektion. Rhythmik und Spielhaltung der schnellen Nummern verweisen auf den Folkpunk der Pogues.

Über die eigenen Stücke hinaus greift Kahn historische Nummern auf, etwa ein klassenkämpferisches jiddisches Marschlied der Arbeitslosen. Kahn, der die jiddische, deutsche und englische Sprache verwendet und bisweilen vermischt, aktualisiert die Texte. Sein eigener Song „The Good Bad Old Days“ ist ein ironischer Abgesang auf die DDR und die Ostalgie, derweil die westliche Alternative nicht minder gegeißelt wird.

Musik und Botschaft gehen eine Einheit ein. Die weltanschauliche Devise lautet nach dem im Booklet zu Kahns letzter CD „Lost Causes“ abgedruckten Satz von Walter Benjamin: „Nicht an das gute Alte anknüpfen, sondern an das schlechte Neue“.

Quelle: op-online.de

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