Filmmusik für exotische Instrumente

Geister der „Titanic“

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Sein Tonlabor betreibt Rainer Michel in Bieber, in Sachsenhausen hat er Galerieräume mit Instrumenten bestückt.

Frankfurt - Wer vom Eisernen Steg durch die Schulstraße in Richtung Alt-Sachsenhausen schlendert, wird an der Kreuzung Oppenheimer Straße wie magisch von zwei Schaufenstern angezogen. Ein kleines Ecklädchen mit schwarz gekachelter Front. Von Detlef Kinsler

Frankfurt Wer vom Eisernen Steg durch die Schulstraße in Richtung Alt-Sachsenhausen schlendert, wird an der Kreuzung Oppenheimer Straße wie magisch von zwei Schaufenstern angezogen. Ein kleines Ecklädchen mit schwarz gekachelter Front. „Korridor – Bild & Klang“ steht an der Tür. Ein Ladengeschäft? Eine kleine Galerie? Ein Instrumentenmuseum? Von allem ein bisschen.

Rainer Michel ist dort zuhause. Film(musik)komponist könnte auf seiner Visitenkarte stehen. Seit 1994 hat er das Schreiben von Soundtracks zu seiner Mission erklärt. Im Schaufenster stehen Lebensfreude ausstrahlende Petticoat-Kleider seiner Frau Pei Li, dazwischen liegen Bilder und Drucke befreundeter Künstler wie Leonore Poth.

An den Wänden über dem heimeligen Mobiliar hängt eine Vielzahl exotischer Instrumente: Eine ägyptische Oud, eine madagassische Röhrenzither Valiha, die indonesische Bambus-Perkussion Angklung, eine mongolische Pferdekopfgeige, eine türkische Saz, eine singende Säge. Mittendrin als Blickfang der Geigenbaum. Denn Michel ist auch ein Tüftler. Mit einem Goldschmied hat er das Objekt zusammengebaut. Die vier Violinen werden von Motoren gesteuert uns spielen quasi von selbst. Eine ältere Dame, unüberhörbar Engländerin, die zufällig vorbei kam, meinte, das wären ganz sicher die Geister des untergegangenen „Titanic“-Orchesters. Über solche Reaktionen freut sich Michel

Viele Jahre tingelte der Frankfurter als E-Gitarrist mit regionalen Bands durchs Rhein-Main-Gebiet. „Irgendwann habe ich die klassische Gitarre entdeckt, die mich so faszinierte, dass ich mich da richtig reingekniet habe“, erzählt er.

Puzzeln am kleinen Computer

Beim Studium in Dortmund ersetzte Bach den Rock’n’Roll, auf der Akademie für Tonkunst in Darmstadt setzte der 1955 geborene Musiker seine Ausbildung fort. Den Anschluss an die Band-Szene hatte er zwar verpasst, dafür lernte er auf Reisen per Anhalter von Bordeaux über Biarritz und Bilbao bis hinüber nach Portugal viel hinzu. „Ich habe damals gern Straßenmusik gemacht.“

Unterwegs traf er nicht nur auf Musiker aus der Region und lernte deren Musik kennen, sondern wurde auch von einer Regisseurin aus Berlin entdeckt. Sie wollte seine Instrumentalstücke für eines ihrer Projekte, und Michel fand seine wahre Leidenschaft, die Filmmusik, deren Faszination er wie folgt beschreibt: „Sie bietet mir die größtmögliche Freiheit. Man kann fast alle Regeln durchbrechen, stilistisch vieles mixen. Im Grunde ist alles richtig, wenn es nur zu den Bildern passt.“

In seinem kleinen Tonlabor in Offenbach-Bieber puzzelte er dann mit alten Computern an State-of-the-Art-Klängen, die dann im Fernsehen („Tatort“ und „Ein Fall für Zwei“) oder im Kino („Nach 5 im Urwald“ mit Franke Potente oder die viel beachtete Doku „Projekt Gold – Eine deutsche Handball-WM“) zu hören waren.

Keine opulenten Orchestermusiken, keine Klänge aus dritter Hand mittels Sampler, sondern alles handgemacht mit dem beschriebenen Instrumentarium. Skurril, schön, stimmungsvoll. Nach „Bardsongs“, den Geschichten vom Glück aus Mali, Rajasthan und dem Himalaya von Filmemacher Sander Francken war Michel gerade wieder bei den Hofer Filmtagen dabei. Mit Birgit Lehmann und Ole Weissenbergers unterhaltsamer Doku „Mein Name und ich“.

Zuletzt suchte Rainer Michel immer öfter auch den Weg in die Öffentlichkeit, trat beim „Rundgang 2013“ im Städel oder beim „Lichter“-Filmfest im Filmmuseum und begeisterte überall ein staunendes Publikum.

Morgen tritt Rainer Michel um 20 Uhr bei der „Musikszene Frankfurt“ in der Stadtbücherei (Hasengasse, Ffm) auf. Mit von der Partie ist Jazz- und Klassik-Pianist Mathias Schabow.

Quelle: op-online.de

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