„Frankfurt“ von Rainald Grebe

Erkundung der anderen Stadt

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Getragen wird das Stück „Frankfurt“ im Schauspiel von einem komödiantisch starken Schauspielertrio.

Frankfurt - Rainald Grebe ist Kabarettist - auch als Regisseur am Stadttheater. ,,Frankfurt“ heißt das Stück, dass er für das Schauspiel von Frankfurt entwickelt hat. Von Stefan Michalzik 

Es geht um eine Erkundung der anderen, nahe der polnischen Grenze an der Oder liegenden Stadt gleichen Namens, die im Geist noch viel weiter weg ist als in Kilometern. Menschen, die von dort kommen und alle nicht mehr dort leben hat Grebe auf die Bühne geholt, man erfährt etwas über Lebensläufe zwischen Ost und West - allerdings erst zum Schluss.

Getragen wird das Stück zunächst nämlich von einem komödiantisch starken Schauspielertrio um Franziska Junge, Christoph Pütthoff und Martin Rentzsch. Es handelt sich praktisch um einen musikalischen Kabarettabend für ein Schauspielensemble (mit Mikroports), Grebe bringt seine bekannte Methode der atemlosen dramaturgischen Verwirbelung zur Anwendung. Christoph Pütthoff gibt am Anfang den Fremdenführer in der Stadt der 300 Bankinstitute und schwadroniert x-sprachig über Salsa verde und sofort. Das ist fraglos virtuos, es zieht sich aber und es wird albern. Spätestens als Pütthoff mit den Zuschauern als Chor ein Lied vom Äppelwoi einstudiert sind schlimme Befürchtungen für den weiteren Verlauf genährt.

Es soll sich die Sache aber bald zum Besseren wenden. Man bekommt ein Foto der Skyline von Frankfurt gezeigt - jenem an der Oder. Tristesse. Lacher. Ein Bild vom Finanzbezirk zeigt das Verwaltungsgebäude der örtlichen Sparkasse. Wieder Lacher. Es wird überhaupt sehr viel gelacht, so häufig wie sonst nur selten im Theater. Apropos Theater: Die Fotokamera wandert durch den verfallenden Backsteinbau des vor 14 Jahren ,,abgewickelten“ Kleist-Theaters, des einstigen Stadttheaters von Frankfurt/Oder. Übrig geblieben ist davon bloß noch ein Kostümverleih.

Planvolles Chaos

Das gelingt inmitten eines planvoll chaotischen Reichtums an Aktion und der Veräppelung immer wieder: Der Niedergang einer Stadt wird in seiner offenkundigen Ausweglosigkeit ernsthaft spürbar. Frankfurt/Main wächst, die einstige Großstadt an der Oder schrumpft seit der ,,Wende“ - Kohl wird irgendwann mit seinem Versprechen von den blühenden Landschaften eingeschnipselt - stetig; schreibt man die Prognosen weiter fort, ist die Stadt irgendwann ganz verschwunden. Pläne für ein neues Silicon-Valley hat es gegeben, Milliarden an Fördergeldern sind verbrannt worden. Hat alles nichts geholfen. ,,Diese Stadt ist tot“, dröhnt immer wieder eine Punkband aus dem Off, ,,und das ich daran etwas ändern kann, glaube ich nicht“.

Kurz sind die leichthändig souveränen Auftritte der sieben Frankfurterinnen und Frankfurter am Ende - und reich an Aufschluss. Natürlich sind sie allesamt ganz wunderbar - gutes Casting! -, manche bekommen Szenenapplaus.

Rainald Grebe treibt das Dokumentartheater auf die Spitze. Das ist belustigend, kein Zweifel. Und manchmal auch einfach platt. Es handelt sich um eine Show und um die Parodie einer solchen. Zum Schluss ist in einem Quiz eine Reise nach Frankfurt/Oder zu gewinnen. Ganz real. Das Theater als Ort des knalligen, herzhaft erfrischenden Entertainments - und am Ende hat man tatsächlich etwas erfahren über das Leben in der fernen Stadt. Das ist schon was.

Quelle: op-online.de

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