Aberwitziger Grimm-Marathon

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Bühne/Symbolbild

Frankfurt - Insgesamt 207 Märchen sollen Wilhelm und Jakob Grimms niedergeschrieben haben. Sie in 90 Minuten zu packen ist ein wahrhaft ambitioniertes Vorhaben. Till Krabbe und Sabine Fischmann jedoch traut man dieses Projekt zu. Von Maren Cornils

Die Zuschauer bei „Und wenn sie nicht gestorben sind… - alle Märchen der Brüder Grimm in einem Kammermusical“ erwartet alles andere als ein am literarischen Original orientierter Abend epischen Ausmaßes. Und tatsächlich: Sobald sich im Frankfurter Goethe-Haus der von einem Paravent symbolisierte Buchrücken zur Grimmschen Anthologie geöffnet hat, purzeln Märchen und Figuren wild durcheinander.

Rotkäppchen und der böse Wolf

Da gibt sich Till Krabbe als böser Wolf, den es nach Rotkäppchen gelüstet. Dieses aber verweigert sich der Rolle als „appetitanregendes Designerkäppchen“. Auch Rumpelstilz, von Krabbe mit irrlichterndem Blick gespielt, changiert zwischen kleinwüchsigem Derwisch und Bandscheiben-geplagtem Waldschrat. Ernsthaftigkeit kehrt lediglich dann ein, wenn Berthold Possemeyer zum Gesang anhebt, das Publikum mit Schubert („Ständchen“/„Nacht und Träume“), Edvard Grieg („Es war einmal im Sommer“), Robert Schumann („Zwielicht“/„Aus alten Märchen“) oder Johannes Brahms („Verzweiflung“) bezaubert.

Kaum ist der letzte Ton verklungen – am Piano sorgt Markus Neumeyer für tatkräftige Unterstützung des Trios –, geht es ganz frei von Ehrfurcht weiter. Rapunzel präsentiert sich als Maid mit Kurzhaarfrisur, Brüderchen und Schwesterchen schockieren mit deutsch-türkischem Ghetto-Slang. Jede der Figuren wird von Krabbe und Fischmann gegen den Strich gebürstet. Dass die witzige Revue glückt, ist Verdienst eines eingespielten und mit Freude agierenden Holzhausen-Quartetts.

Quelle: op-online.de

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